Nach tagelanger Kritik an der kurzfristigen Ausladung von Sänger Danger Dan (43) und Pianist Igor Levit (39) aus der 100. Ausgabe von „Die Anstalt“ hat das ZDF den Konflikt nun selbst zum Thema gemacht. Während eine 16-minütige Sonderausgabe von „aspekte“ die Entscheidung am Samstagabend journalistisch einordnen sollte, nutzte das Team der Satiresendung seine Jubiläumsfolge für eine deutliche Abrechnung mit dem Sender – und las den umstrittenen Songtext von „Keine Angst“ kurzerhand selbst vor.
Bereits am Samstag stellte das ZDF sowohl die Sonderausgabe von „aspekte“ als auch die Jubiläumsfolge von „Die Anstalt“ in seine Mediathek. Ersteres wurde am Samstagabend im Fernsehen ausgestrahlt, „Die Anstalt“ läuft am Dienstag um 22:15 Uhr.
„Wir empfinden die Entscheidung als mutlos“
Eigentlich hätten Danger Dan und Igor Levit den Song „Keine Angst“ live in der 100. Ausgabe der Kabarettsendung präsentieren sollen. Das ZDF sagte den Auftritt jedoch kurzfristig ab. Nach einer intensiven redaktionellen und juristischen Prüfung sei man zu dem Schluss gekommen, dass der Text als „Anleitung zum politischen Extremismus“ verstanden werden könne, Selbstjustiz propagiere und rechtswidrige Taten sowie Gewalt nicht ausschließe, erklärte der Sender vorab.
In der Sendung selbst machten die Moderatoren keinen Hehl daraus, wie sie die Entscheidung bewerten. „Wir verstehen, dass man über den Song geteilter Meinung sein kann, aber wir empfinden die Entscheidung des ZDF in einer Zeit, in der rechtsextreme Gewalt in der Geschichte der Bundesrepublik mal wieder einen Höchststand erreicht hat, einfach als mutlos“, sagte Claus von Wagner unter großem Applaus des Publikums.
Songtext statt Live-Auftritt
Anstelle des geplanten musikalischen Auftritts stand nach einem Sketch lediglich ein Konzertflügel mit einem Mikrofon auf der Bühne – eine offensichtliche Anspielung auf die Ausladung.
Anschließend lasen Claus von Wagner, Max Uthoff und Maike Kühl Passagen aus „Keine Angst“ selbst vor und ordneten sie ein. Dabei machten sie auch auf problematische Stellen aufmerksam. So erklärte Uthoff zu einer Passage, in der es um das Recherchieren und Veröffentlichen von Namen Rechtsextremer geht, dass ein solches Vorgehen strafbar sein könne.
Auch die umstrittenen Schlusszeilen des Liedes wurden thematisiert. Dort nennt Danger Dan vier Vornamen, die identisch mit den Vornamen bekannter Linksradikaler sind, quasi als Vorbilder. Darüber habe das Team intensiv diskutiert. Man verurteile Gewalt grundsätzlich, betonte Uthoff. Zugleich stellte er die Frage, was geschehe, wenn der Staat sein Gewaltmonopol nicht ausreichend durchsetze und Menschen sich vor rechtsextremer Gewalt schutzlos fühlten.
Moderatorin Maike Kühl erklärte, man hätte sich gewünscht, dass Danger Dan auftreten und sich anschließend einer Diskussion hätte stellen können.
„Wir sind im ZDF gegen das ZDF“
Bereits zuvor hatte Kühl die besondere Situation der Sendung mit einem Satz zusammengefasst, der den Konflikt auf den Punkt brachte: „Wir sind im ZDF gegen das ZDF.“
Parallel dazu versuchte der Sender in einer 16-minütigen Sonderausgabe von „aspekte“ unter dem Titel „Was darf man wo noch singen? Danger Dan und das ZDF“ seine Entscheidung journalistisch einzuordnen. Moderator Jo Schück führte durch sechs Kapitel – vom Song über die juristische Bewertung bis zur Frage „Und jetzt?“.
Zu Wort kamen unter anderem die Juristen Peter Raue und Fabian Wittreck, Kabarettist Florian Schroeder, Publizist Jan Fleischhauer sowie Oliver Heidemann, Leiter der ZDF-Hauptredaktion Show.
Während Raue den Song von der Kunstfreiheit gedeckt sah und Schroeder ihn als provokativen Debattenbeitrag bezeichnete, verteidigte Heidemann die Entscheidung des Senders. Das ZDF müsse sicherstellen, dass seine Programme keine „verhetzende Wirkung“ entfalten. Fleischhauer wiederum sagte, eine Einladung sei angesichts des Songtextes nicht vertretbar gewesen.
Danger Dan selbst nahm eine Einladung des Senders zu einem Interview nicht an.
Kritik auch in den sozialen Netzwerken
Auch in den sozialen Netzwerken hält die Debatte an. Unter den Beiträgen des ZDF kritisierten zahlreiche Nutzer die Entscheidung des Senders. Besonders häufig wurde dabei darauf verwiesen, dass rechtsextreme Positionen in Fernsehtalkshows regelmäßig eine Bühne erhielten. Ein vielfach geteilter Kommentar lautete: „Und nächste Woche sitzen wieder Rechtsextreme in den ZDF-Talkshows, als wäre es ganz normal …“
Andere Nutzer verwiesen auf unterschiedliche Maßstäbe bei satirischen oder provokanten Inhalten. So fragte ein Kommentar ironisch: „Also wird nun auch Dieter Nuhr abgesetzt?“
Daneben gab es aber auch kritische Stimmen gegenüber Danger Dan und Igor Levit selbst. So schrieb ein Nutzer: „Ach, Dan und Igor: Wenn es einen selbst betrifft, ist es auf einmal Zensur, skandalös und nicht mit der Meinungs- und Kunstfreiheit vereinbar. Wenn es aber Kolleg*innen betrifft, die sich auch für die Menschenrechte in Palästina einsetzen und seit drei Jahren schlimmsten Repressionen ausgesetzt sind – wo war da eure Solidarität?“ Der Kommentar endet mit dem Vorwurf, die Kontroverse sei letztlich auch „extrem gute PR für den Song“.
Danger Dan und Igor Levit meldeten sich nach ihrer Ausladung ausführlich zu Wort. In einem gemeinsamen Statement bezeichneten sie den Eingriff des ZDF als „skandalös“ und warfen dem Sender vor, in die Meinungs- und Kunstfreiheit einzugreifen. Dass über einzelne Zeilen des Songs diskutiert werde, sei aus ihrer Sicht ausdrücklich gewollt: „Das gehört in einer Demokratie dazu.“ Umso mehr erschüttere sie, dass ihr Auftritt kurzfristig verhindert worden sei.
Trotz der Absage kündigten die beiden an, sich davon nicht abbringen zu lassen. „Wir lassen uns das nicht verbieten“, heißt es in dem Statement. Den Song „Keine Angst“ wollen sie stattdessen bei einem eigenen Auftritt in Berlin gemeinsam präsentieren.
(ncz/spot)
Bild: Max Uthoff, Maike Kühl und Claus von Wagner moderieren die Satiresendung „Die Anstalt“. / Quelle: ZDF/Michael Tremer


