„Hab Angst. Hab große Angst“: Geena Davis (70) weiß in ihrer Rolle als Veronika Quaife ganz genau, worauf sich die Figuren im David Cronenbergs Kultklassiker „Die Fliege“ einzustellen haben – und die Zuschauer gleich mit ihnen.
Genau 40 Jahre ist es her, dass „Mister Body Horror“ dem gleichnamigen Schwarzweißfilm von 1958 einen nervenzehrenden, buchstäblich magenumdrehenden Neuanstrich verliehen hat. Bis heute büßte Jeff Goldblums (73) Verfall vom verschrobenen, aber liebenswürdigen Wissenschaftler Seth Brundle zum zunehmend unappetitlicheren Fliegen-Hybriden nichts von seiner schaurigen Faszination ein. Nicht von ungefähr gab es bei den Academy Awards 1987 einen Oscar in der Kategorie „Bestes Make-up“ für den Streifen.
Der fahrlässige Umgang mit der Wissenschaft
Die Handlung von „The Fliege“ ist ebenso simpel wie albtraumhaft: Ein talentierter Wissenschaftler (Goldblum) will quasi das aus „Star Trek“ bekannte Beamen erfinden. Seine Teleportationskammern funktionieren zwar, bislang aber nur mit Objekten. Was mit Lebewesen passiert, zeigt Cronenberg gewohnt plastisch: „Es hat den Pavian von innen nach außen gekehrt.“
Seine Fortschritte lässt Brundle von der Journalistin Veronika (Davis) dokumentieren. Und siehe da: Der Austausch mit der fachfremden Frau sorgt dafür, dass er seine eigene Erfindung besser zu verstehen vermag. Nachdem ein weiterer Versuch mit einem Affe erfolgreich ist, wagt er das Selbstexperiment – es schlägt katastrophal fehl: Ohne es zu merken, hat sich eine Stubenfliege mit ihm in die Teleportationskammer geschlichen.
Weil der Computer nicht weiß, was er mit den zwei Lebewesen auf der einen Seite anstellen soll, beschließt er, sie auf der anderen Seite auf molekularer Ebene zusammenzufügen. Oder, wie es Brundle nonchalant ausdrückt: „Er hat uns gepaart, mich und die Fliege. Dabei wurden wir einander gar nicht richtig vorgestellt. Ich bin nicht mehr Seth Brundle. Ich bin der Sprössling von Brundle und einer Hausfliege.“
Ein Monster, das keines sein will
Was „Die Fliege“ so besonders im Horrorgenre macht: Im Grunde kommt der Film ohne Bösewicht aus. Jede der Figuren ist ein Opfer ihrer Umstände, allen voran Seth. Ein gutherziger Mensch mit hehren Absichten verwandelt sich zunächst optisch, dann zunehmend auch mental in ein Monster.
Veronica muss mit ansehen, wie die Liebe ihres Lebens vor ihren Augen zu einem Scheusal mutiert. Und das Schlimmste: Seth ist sich dessen bewusst, kann aber nichts daran ändern. In einer Szene, für die Goldblum allein einen Oscar verdient gehabt hätte, wird das ebenso tragisch wie furchteinflößend deutlich.
Veronica hat Seth seit mehreren Wochen nicht mehr gesehen und geht mit gewaltiger Angst zurück zu dessen Labor, um ihm eine wichtige Nachricht zu überbringen. Doch in was für eine Schreckensgestalt hat er sich nach so langer Zeit in Isolation verwandelt?
Seth ist inzwischen nicht mehr zu erkennen, der gesamte Körper ist von Tumoren überzogen. Seine Zähne, die Fingernägel, selbst die Ohren sind ihm aus- beziehungsweise abgefallen. Und dann sagt er zu ihr: „Du musst jetzt gehen und darfst nie wieder herkommen. Hast du jemals von Insekten-Mitgefühl gehört? Ich auch nicht. Insekten haben kein Mitgefühl. Sie sind überaus brutal. Kein Mitleid, kein Kompromiss. […] Ich bin ein Insekt, das geträumt hat, dass es ein Mann war – und es geliebt hat. Aber jetzt sind die Träume vorbei und das Insekt ist wach. Ich will damit sagen, dass ich dir wehtue, wenn du nicht gehst.“
Horror- und Liebesfilm zugleich
Auf der einen Seite animalische Empathielosigkeit, auf der anderen mitfühlende Menschlichkeit, gefangen in ein und demselben Körper. Wie seine tragische Hauptfigur ist auch der Film „Die Fliege“ ein ungewöhnlicher Hybrid, ein Mix aus FSK-18-Horror und Liebesdrama. Selbst 40 Jahre später lassen sich vergleichbare Beispiele an sechs Fliegenbeinchen abzählen.
(stk/spot)
Bild: Jeff Goldblum als Wissenschaftler Seth Brundle in „Die Fliege“. / Quelle: imago images/United Archives





