Unterschiedlicher als diese zwei potenziellen Täter geht es wohl nicht: Im neuen „Tatort: Frei wie ein Adler“ (8. November, 20:15 Uhr im Ersten) aus Zürich verdächtigen die Ermittlerinnen Isabelle Grandjean (Anna Pieri Zuercher, 47) und Tessa Ott (Carol Schuler, 39) sowohl einen ehemaligen Rockerboss als auch einen jungen Mann mit Downsyndrom des Mordes. Und so geht es sowohl mit dem Motorrad als auch mit dem Mofa, in der Schweiz „Töffli“ genannt, durch die Stadt.
Darum geht es in „Tatort: Frei wie ein Adler“
Simon Bärfuss (Ronald Zehrfeld), der ehemalige Boss eines Zürcher Rockerclubs, wird nach acht Jahren aus dem Gefängnis entlassen. Natürlich will er schnellstmöglich zu seiner Tochter Nadja (Stella Alraun), zu der die Beziehung inzwischen erkaltet ist. Doch am nächsten Tag wird seine Ex-Frau, die mit der Tochter Zürich verlassen wollte, erschlagen aufgefunden. Isabelle Grandjean und Tessa Ott haben deshalb naheliegenderweise schnell den Ex-Häftling im Visier, der den Ermittlerinnen gegenüber zudem gewalttätig auftritt.
Doch noch ein anderer kommt für den Mord infrage: Jacob Göldi (Benjamin Raue). Der junge Mann mit Downsyndrom arbeitete in der Wäscherei der Toten und rastete wegen der Schließung seiner ihm so wichtigen Arbeitsstelle nur einen Tag vor dem Mord heftig aus. Aber trauen Grandjean und Ott ihm die Tat wirklich zu?
Als Nadja entführt wird, werden die beiden ungleichen Verdächtigen bei dem Versuch, sie zu retten, ein Team. Grandjean und Ott wiederum bekommen ungefragt Unterstützung von einem Kollegen, der sich im Rockermilieu bestens auskennt. Unter Druck müssen die Kommissarinnen sowohl dort als auch in Jacobs inklusiver WG ermitteln.
Lohnt sich das Einschalten?
Ja, wegen der großartigen und so selbstverständlichen Einbeziehung der inklusiven Geschichte, die nicht moralisiert, sondern mit den eigenen Vorurteilen konfrontiert. Die Schauspieler und Schauspielerinnen mit Downsyndrom bilden das Herz dieses „Tatorts“, ohne dass es rührselig wird. Sie unterstreichen, dass Menschen mit Trisomie 21 eigene Wünsche, Sehnsüchte und durchaus auch dunkle Seiten haben – und bei aller Schutzbedürftigkeit ernst genommen werden müssen, bis hin dazu, dass sie als Mordverdächtige infrage kommen.
Ansonsten weist der „Tatort“ aber einige Schwächen auf. Zu unvermittelt wirkt die plötzliche Freundschaft zwischen Jacob mit dem Töffli und Simon mit dem Bike, zu klischeehaft – und billig – die gemeinsamen Fahrten auf dem Motorrad durch die Stadt in Frontalansicht mit Hintergrundprojektion. Und wieso die beiden von den bösen Rockern nie entdeckt werden, obwohl sie sich mehr schlecht als recht und nicht gerade leise nur wenige Meter weiter „verstecken“, ist auch fraglich. Die durchaus überraschenden Plottwists des Krimis werden zudem zu wenig ausgespielt, um wirklich zu funktionieren.
Dafür können Grandjean und Ott mit ihrer Dynamik wieder überzeugen. Die beiden Ermittlerinnen bilden auch in ihrem zwölften Fall wieder ein tolles Team, in dem ihre Gegensätze, empathisch versus rational, zwar deutlich bleiben, aber zum Glück auch immer wieder verschwimmen. Mit viel Witz, aber auch der nötigen Professionalität setzt sich vor allem Grandjean stellvertretend für die Zuschauer mit ihrem Umgang mit Menschen mit Downsyndrom auseinander.
(eyn/spot)
Bild: Jacob Göldi (Benjamin Raue, l.) und Simon Bärfuss (Ronald Zehrfeld) sind die beiden Hauptverdächtigen im „Tatort: Frei wie ein Adler“. / Quelle: SRG SSR/Pascal Mora


