Wo immer er ging, stand oder saß – Prinz Claus der Niederlande (1926-2002) wirkte häufig ernst und in sich gekehrt. Ein Eindruck, der leicht täuschen konnte. Denn hinter der nachdenklichen Fassade steckte ein warmherziger Mann mit feinem Humor.
Seine Geschichte ist bis heute besonders
Prinz Claus war vor allem ein Kümmerer – für seine Familie, seine Freunde und sein Land. Dass er nach außen oft bedrückt wirkte, hatte auch gesundheitliche Gründe: In seinem letzten Lebensjahrzehnt litt er zunehmend unter Depressionen und Morbus Parkinson. Selbst wenn er lächelte, blieb ihm in der Öffentlichkeit das Bild vom „traurigen Prinzen“ erhalten.
Am 6. September wäre Prinz Claus 100 Jahre alt geworden. Auch fast 24 Jahre nach seinem Tod ist der 2002 verstorbene Ehemann der damaligen niederländischen Königin Beatrix (88) vielen Menschen in den Niederlanden in guter Erinnerung geblieben. Dass ausgerechnet ein gebürtiger Deutscher zu einem der beliebtesten Mitglieder des Königshauses wurde, macht seine Geschichte bis heute besonders.
Dabei ließ sich Claus selbst nur ungern auf eine nationale Identität festlegen. War der Prinzgemahl der niederländischen Monarchin nun Deutscher oder längst Niederländer? Seine eigene Antwort fiel überraschend aus: „Eigentlich war ich immer ein wenig Afrikaner.“
Nach Afrika und zurück
Claus entstammte dem mecklenburgischen Adelsgeschlecht Amsberg und wurde 1926 als Klaus von Amsberg auf dem Rittergut Dötzingen bei Hitzacker an der Elbe im heutigen Niedersachsen geboren. Zwei Jahre später zog die Familie ins heutige Tansania. 1933 schickte ihn seine Mutter für den Schulbesuch zurück nach Deutschland, doch bereits 1936 kehrte der Zehnjährige nach Afrika zurück und besuchte dort ein deutsches Internat.
1938 ging es für Claus erneut nach Deutschland, zunächst auf ein Internat an der Ostsee und später auf eine Oberschule in Bad Doberan. In der NS-Zeit wurde er Mitglied der Hitlerjugend, später zum Reichsarbeitsdienst und zur Wehrmacht eingezogen. Noch vor seinem ersten Kampfeinsatz geriet er in US-amerikanische Kriegsgefangenschaft.
Nach Kriegsende kehrte Claus nach Hitzacker zurück, holte sein Abitur nach und studierte in Hamburg Jura. Nach einer Ausbildungszeit in den USA arbeitete er zunächst in einer Hamburger Anwaltskanzlei, wo er sich vor allem mit den Rechtsansprüchen deutscher Juden befasste. 1957 wechselte er in den diplomatischen Dienst. Seine erste Auslandsstation führte ihn an die deutsche Botschaft in der Dominikanischen Republik, 1961 wechselte er als zweiter Botschaftssekretär an die Elfenbeinküste.
Afrika bezeichnete Claus später als seine „dritte Heimat“ neben Deutschland und den Niederlanden. Er beschäftigte sich intensiv mit den Kulturen sowie den politischen und wirtschaftlichen Strukturen des Kontinents und pflegte enge Kontakte zu afrikanischen Politikern. Unter anderem war er mit Nelson Mandela (1918-2013) befreundet. 1963 kehrte Claus als Fachmann für afrikanische Angelegenheiten ins Auswärtige Amt nach Bonn zurück.
Die Begegnung mit Beatrix
Zu diesem Zeitpunkt kannte er Kronprinzessin Beatrix bereits. Die beiden sollen sich 1962 auf einer Silvesterparty des mit Claus befreundeten und entfernt verwandten Grafen von Oeynhausen-Sierstorpff begegnet sein. Weitere Treffen folgten, unter anderem bei der Hochzeit von Prinzessin Tatjana zu Sayn-Wittgenstein.
Im Mai 1965 veröffentlichte der britische „Daily Express“ ein Foto, das Prinzessin Beatrix und Klaus von Amsberg in inniger Umarmung im Garten von Schloss Drakensteyn bei Utrecht zeigte. In den Niederlanden sorgte die Aufnahme für großes Aufsehen. „Wenn es nur kein Deutscher ist“, soll Ministerpräsident Jo Cals damals geäußert haben. Doch genau das war der Mann an der Seite der künftigen Königin: der 38-jährige deutsche Diplomat Klaus von Amsberg. Die Nachricht löste im Land heftige Reaktionen aus.
Nur 20 Jahre nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs stieß die Vorstellung eines deutschen Prinzgemahls in den Niederlanden auf erheblichen Widerstand. Die Erinnerung an die deutsche Besatzung von 1940 bis 1945 war noch allgegenwärtig, entsprechend groß waren die Vorbehalte gegen Claus. Beatrix hielt dennoch an ihrer Entscheidung fest. Mit Zustimmung ihrer Mutter, Königin Juliana (1909-2004), wurde am 28. Juni 1965 die Verlobung im Fernsehen bekannt gegeben.
Claus kämpft um das Vertrauen der Niederländer
Vor allem Claus‘ Vergangenheit in der NS-Zeit sorgte für Misstrauen. Zwar hatte ihn bereits eine Entnazifizierungskommission entlastet, doch in den Niederlanden blieben die Vorbehalte groß. Eine Unterschriftenkampagne sollte die Hochzeit verhindern, auch das Parlament beschäftigte sich ausführlich mit seiner Vergangenheit.
Erst nachdem der Historiker Loe de Jong zu dem Schluss gekommen war, dass Claus weder Antisemit noch Kriegsverbrecher gewesen war, schwand der politische Widerstand gegen die Hochzeit. Im Dezember 1965 erhielt Claus die niederländische Staatsangehörigkeit. Bei der Hochzeit 1966 wurde ihm der Titel Prinz der Niederlande verliehen.
Auch Claus selbst warb um das Vertrauen der Niederländer. In einer Fernsehansprache sprach er offen über seine Vergangenheit: „Ja, ich war in der Wehrmacht und wurde 1944 als Flakhelfer eingezogen.“ Die Vorbehalte im Land könne er angesichts der jüngsten Geschichte verstehen und respektieren. „Ich werde mein Bestes tun und versuchen, Ihr Vertrauen zu gewinnen.“ Seine Worte zeigten Wirkung: Danach befürworteten Umfragen zufolge mehr als 80 Prozent der Niederländer die Hochzeit.
Die schwierige Rolle an Beatrix‘ Seite
Die Hochzeit fand am 10. März 1966 statt. In einer goldenen Kutsche fuhr das Paar zur Trauung in die Westerkerk. Als 1967 mit Willem-Alexander (59) der erste männliche Thronfolger seit mehr als einem Jahrhundert geboren wurde, schwanden auch die letzten Vorbehalte gegen Claus. Als Beatrix 1980 ihrer Mutter Juliana auf den Thron folgte, galt der Prinzgemahl längst als eines der beliebtesten Mitglieder des Königshauses.
Claus musste sich mit der Rolle des Prinzgemahls arrangieren. Hinter den Kulissen engagierte er sich vor allem für Entwicklungshilfe und Umweltpolitik. Bei den Niederländern punktete er mit Humor, Intelligenz und Warmherzigkeit, 1976 wurde er zum „charmantesten Niederländer des Jahres“ gewählt.
Auch an der Seite von Beatrix gewann Claus zunehmend an Profil. Mit seiner ruhigen Art galt er als wichtiger Ratgeber der Königin und verlieh der Monarchie zugleich Nahbarkeit. In den Niederlanden wurde er schließlich liebevoll „unser Claus“ genannt.
Claus kümmerte sich intensiv um seine drei Söhne Willem-Alexander, Johan Friso (1968-2013) und Constantijn (56) und pflegte zu ihnen ein enges Verhältnis. Besonders innig war die Beziehung zu seinem ältesten Sohn, dem heutigen König Willem-Alexander.
Seinen Humor verlor er nie
Mit seiner Rolle als Prinzgemahl haderte Claus jedoch immer wieder. „Ich bin verurteilt zu einer gewissen Farblosigkeit“, soll er einmal gesagt haben. Ab den 1980er-Jahren litt er unter Depressionen, seinen Humor verlor er dennoch nicht. Legendär wurde ein Auftritt 1998: Bei der Verleihung des Prinz-Claus-Preises riss er sich nach seiner Rede die Krawatte vom Hals, warf sie ins Publikum und rief die Männer dazu auf, es ihm gleichzutun.
„Ein wunderbarer Mensch ist gestorben“
In seinen letzten Lebensjahren verschlechterte sich Claus‘ Gesundheit zunehmend. Er litt unter anderem an Parkinson, Nierenproblemen und Prostatakrebs und hatte einen Herzinfarkt sowie eine Lungenembolie erlitten. Am 6. Oktober 2002 starb er im Alter von 76 Jahren. Vor dem königlichen Palast erinnerte damals ein schlichtes Plakat an seine große Beliebtheit: „Ein wunderbarer Mensch ist gestorben.“
Zum 100. Geburtstag ihres Mannes reist Beatrix gemeinsam mit ihren Söhnen, König Willem-Alexander und Prinz Constantijn, zum Prinz-Claus-Denkmal nach Hitzacker. Über ihre Ehe sagte sie einmal: „Vielleicht wird die Geschichte noch zeigen, dass die Wahl dieses Ehemanns meine beste Entscheidung gewesen ist.“
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Bild: Prinz Claus und Beatrix waren mehr als 36 Jahre verheiratet – von ihrer Hochzeit 1966 bis zu seinem Tod im Jahr 2002. / Quelle: imago/piemags



