Wenn Stefanie Giesinger am 27. August 30 Jahre alt wird, liegt ihr Sieg bei „Germany’s next Topmodel“ bereits mehr als zwölf Jahre zurück. Seitdem hat sie internationale Modeljobs absolviert, große Kampagnen umgesetzt, Unternehmen gegründet und sich mit ihrem Podcast „G Spot“ eine Plattform für persönliche und gesellschaftliche Themen geschaffen. Millionen Menschen verfolgen sie zudem in den sozialen Medien.
Kurz vor ihrem runden Geburtstag scheint Giesinger an einem Wendepunkt angekommen zu sein. Sie möchte ihre bisherige Karriere nicht hinter sich lassen, wohl aber neu ordnen. Weniger Druck, weniger Abhängigkeit von Instagram und mehr Projekte, die tatsächlich ihren eigenen Interessen entsprechen: Mit 30 soll ein berufliches Kapitel beginnen, in dem sie selbst stärker die Richtung vorgibt.
Der lange Abschied vom Perfektionismus
Ihre Neuausrichtung beginnt mit dem Entschluss, nicht mehr um jeden Preis zu funktionieren – und den eigenen Erfolg stärker nach den persönlichen Vorstellungen zu gestalten.
Der Wunsch nach Veränderung begleitet Giesinger schon seit einigen Jahren. In einem Interview mit „Glamour“ berichtete sie 2020, dass sie seit ihrem Einstieg in die Öffentlichkeit versucht habe, von allen gemocht zu werden und perfekt zu erscheinen.
Eine schwere Operation im Jahr 2018 habe sie für mehrere Wochen aus ihrem gewohnten Alltag gerissen. Dadurch habe sie erstmals die Gelegenheit bekommen, ihre Karriere aus einer anderen Perspektive zu betrachten, sagte die „GNTM“-Gewinnerin, die mit einer seltenen Darmfehlbildung lebt. Zuvor sei ihr Leben fast vollständig von der Arbeit bestimmt worden. Nach Jobs habe sie teilweise geweint, nicht schlafen können und kaum noch ein Sozialleben gehabt.
Als ihre damals größte persönliche Aufgabe nannte sie: „Nein sagen, runterkommen, meine Werte bestimmen.“ Außerdem habe sie erkannt, dass sie umso unglücklicher wurde, je stärker sie versuchte, Schwierigkeiten zu verbergen und sich für andere zu verstellen.
Vier Jahre später sprach Giesinger im Interview mit „Glamour“ über ihre Angststörung und wie sie ihren stressigen Alltag seit 2020 verändert hat. Für sich und ihr Team führte sie eine Viertagewoche ein. Sie begann regelmäßig Tagebuch zu schreiben, etablierte feste Morgenroutinen und löschte zeitweise Instagram und TikTok von ihrem Smartphone.
Auch das Setzen persönlicher Grenzen bleibt ein Thema. Giesinger erklärte, dass sie häufig die eigenen Bedürfnisse vernachlässige, weil sie ein ausgeprägter „People Pleaser“ sei. Mittlerweile versuche sie deshalb genauer wahrzunehmen, wann sie Ruhe brauche und wann ihr eine Situation zu viel werde.
Ihr Leitsatz lautet: „Ich fange nicht von vorne an, um mich neu zu erfinden, ich fange von vorne an, um mich wiederzufinden.“ Früher habe sie häufig gewartet, bis äußere Umstände sie zu einer Veränderung zwangen. Inzwischen versuche sie früher zu erkennen, wenn sie stärker aus Erwartungsdruck als aus Neugier handele. Dann sei es Zeit, einen neuen Weg einzuschlagen.
Neustart mit 30
Aus dieser persönlichen Entwicklung werden nun konkrete berufliche Pläne. Im Mai 2026 erklärte Giesinger im Interview mit der deutschen „Vogue“: „Der Startschuss meiner Karriere ist jetzt, mich komplett neu zu positionieren.“
Sie wolle weniger danach handeln, was andere von ihr erwarteten, und stärker auf ihr Bauchgefühl hören. Dabei plant Giesinger keinen Abschied vom Modelgeschäft. Im Gegenteil: Ihre Karriere soll sich wieder stärker in Richtung klassisches Modeln entwickeln. Sie möchte häufiger Fotoshootings machen, Interviews führen und langfristige Aufgaben als Markenbotschafterin übernehmen.
Auch die Schauspielerei kann sich Giesinger als größeres Betätigungsfeld vorstellen. Vor der Kamera in eine Figur einzutauchen, erfülle sie. Gleichzeitig bekennt sie sich deutlich zum Modeln, das sie als gemeinsame kreative Arbeit mit Fotografen, Stylisten und anderen Beteiligten betrachtet.
Von ihrer großen Social-Media-Reichweite (rund 4,9 Millionen Instagram-Follower) möchte sie dagegen weniger abhängig sein. Durch ihren Podcast habe sie gelernt, öffentlich eine Meinung zu vertreten und sich klarer zu positionieren. Damit riskiere sie zwar, für manche Unternehmen nicht mehr als passende Werbepartnerin zu gelten. Ihre Konsequenz daraus formuliert sie im „Vogue“-Interview eindeutig: „Ich bin keine Werbefläche ohne Inhalt mehr, sondern eine Person mit Haltung.“
Mehr Modeln, international arbeiten und Unternehmen ausbauen
Im Interview mit dem „Title Magazine“ offenbart Giesinger weitere konkrete Pläne für die Zeit nach ihrem 30. Geburtstag. Ihre Marke Health Bar möchte Giesinger international weiterentwickeln. Außerdem will sie mehr Zeit in unterschiedlichen Ländern verbringen, international arbeiten und häufiger Projekte gemeinsam mit Freunden verwirklichen. Je älter sie werde, desto wichtiger sei ihr nicht nur, was sie aufbaue, sondern auch, mit welchen Menschen sie es tue.
Vom Podcasten will sie zunächst etwas Abstand nehmen. Dafür hat inzwischen ein anderes Projekt konkrete Formen angenommen: Gemeinsam mit Angelique Houben hat Giesinger das Berliner Netzwerk „Ex to X“ ins Leben gerufen. Es soll FLINTA*-Kreative aus unterschiedlichen Bereichen miteinander vernetzen und aus neuen Kontakten im besten Fall gemeinsame Projekte entstehen lassen.
Die Angst, nicht mehr gefragt zu sein
Ganz ohne Zweifel geht Giesinger ihren Neustart nicht an. Im Interview mit „InStyle“ spricht sie offen über Altersdruck: „Ich habe große Angst davor, im Alter irrelevant zu werden.“
Nach ihrem Sieg bei „Germany’s next Topmodel“ habe sie einen enormen Hype erlebt, der inzwischen abgeflacht sei. Das bewertet sie jedoch nicht ausschließlich negativ. Ihre Meinung werde heute ernster genommen, andere Menschen begegneten ihr respektvoller und verhielten sich weniger übergriffig. Trotzdem bleibe die Sorge, eines Tages unsichtbar zu werden.
Hinzu kommt der Druck durch die Schönheitsideale der Modewelt. Giesinger kritisiert, dass sich die Branche nach einer Phase größerer Vielfalt wieder verstärkt an sehr jungen und extrem schlanken Körpern orientiere. Sie selbst habe Absagen für Modeschauen erhalten, weil sie angeblich zu dick sei oder die Kleidung nicht in ihrer Größe vorhanden gewesen sei – obwohl sie bereits sehr schlank ist.
Auch sie konnte sich lange nicht von diesem Schönheitsideal lösen: „Rückblickend habe ich das Gefühl, dass es kaum einen Tag in meinem Leben gab, an dem ich nicht schlanker sein wollte. Das ist so traurig! Ich versuche wirklich, an diesem Denkmuster zu arbeiten, weil ich merke, dass es mich und auch meinen Selbstwert zerstört.“ Was ihr dabei helfe: „Ich liebe Essen mehr, als dass ich dieses Schönheitsideal erreichen möchte. Ich würde niemals auf Dessert verzichten oder das Frühstück auslassen oder nur eine Mahlzeit am Tag essen.“
Im Interview mit „InStyle“ geht Giesinger auch auf ihren privaten Wunsch ein: „Mein Leben ist schon perfekt: Ich habe die besten Freunde, die beste Karriere und Menschen um mich herum, die ich liebe. Das Einzige, was in meinem Leben noch fehlt, ist die große Liebe und die manifestiere ich.“
Inzwischen hat sich in Giesingers Liebesleben tatsächlich etwas getan. Im „Sophie Passmann Podcast“ verriet sie Mitte August, dass sie einen neuen Mann kennengelernt habe. Der „super liebe Typ“, wie sie ihn bezeichnet, stehe nicht in der Öffentlichkeit und sei ihr über eine Freundin empfohlen worden. Ganz unbeschwert gehe sie die neue Liebe allerdings nicht an: Aufgrund ihrer Bekanntheit habe sie Angst, aus den falschen Gründen begehrt oder erneut verletzt zu werden.
(jom/spot)
Bild: Stefanie Giesinger will sich auf sich und ihre Modelkarriere konzentrieren. / Quelle: imago images/Eventpress Kochan




