Mehr als Bohnen und Ohrfeigen: Die vielen Leben des Bud Spencer

Mehr als Bohnen und Ohrfeigen: Die vielen Leben des Bud Spencer

Am 27. Juni jährt sich der Tod von Bud Spencer (1929-2016) zum zehnten Mal. Kaum ein europäischer Schauspieler hat eine vergleichbare generationsübergreifende Popularität erreicht. Für Millionen Zuschauer ist er immer noch der bärige Held mit dem markanten Bart, dessen legendäre Fausthiebe ganze Schurkenbanden zu Boden schicken. Doch hinter der Filmfigur verbarg sich ein außergewöhnlicher Mensch: Leistungsschwimmer, Olympiateilnehmer, Unternehmer, Pilot, Komponist, Familienvater – und ein Mann, der trotz des Weltruhms stets erstaunlich bodenständig blieb.

Vom Schwimmbecken auf die Kinoleinwand

Bevor die Welt ihn als Bud Spencer kennt, steht Carlo Pedersoli, so sein Geburtsname, am Startblock. Kein Publikum, keine Kamera, nur Wasser und der Moment vor dem Sprung. 1929 in Neapel geboren, entdeckt er schon früh seine Leidenschaft für den Schwimmsport. Mit großem Erfolg. In den 1950er-Jahren gehört er zu den besten Schwimmern Italiens. Er nimmt 1952 und 1956 an den Olympischen Spielen teil und spielt für die italienische Wasserball-Nationalmannschaft. Als erster Italiener schwimmt er die 100 Meter Freistil unter einer Minute.

Dass ausgerechnet dieser Spitzensportler später zum Inbegriff des gemütlichen Schwergewichts wird, gehört zur besonderen Ironie seiner Biografie. Tatsächlich ist Pedersoli damals weit mehr als nur Athlet. Er studiert zeitweise Chemie und Jura, arbeitet in Südamerika und versucht sich als Unternehmer, bevor ihn der Film endgültig in seinen Bann zieht.

Die Geburt von Bud Spencer

Bereits 1950 wirkt er im Monumental-Klassiker „Quo vadis“ mit. Der breitschultrige, 1,93 m große Schwimmer gehört damals als Statist zur Leibgarde von Kaiser Nero. Seine durchgängige Schauspielkarriere beginnt erst später. 1967 nimmt Pedersoli den Künstlernamen Bud Spencer an – eine Kombination aus seiner Vorliebe für eine US-Biermarke und seiner Bewunderung für den Schauspieler Spencer Tracy (1900-1967).

Zum entscheidenden Wendepunkt wird die Begegnung mit Mario Girotti alias Terence Hill (87) – ebenfalls ein Ex-Schwimmer. 1967 ergattern beide die Hauptrollen in dem Italowestern „Gott vergibt – Django nie!“ Aus dem ungleichen Paar entsteht eines der erfolgreichsten Duos der Filmgeschichte, das Kritiker sogar mit Laurel und Hardy vergleichen. Der schlaksige Blonde mit dem schelmischen Grinsen und der wortkarge Hüne mit den gewaltigen Fäusten ergänzen sich von Beginn an perfekt. Mit Blick auf seinen langjährigen Filmpartner sagt Spencer in einem Interview: „Ich sage oft scherzhaft: Terence Hill ist Schauspieler. Ich spiele den Schauspieler.“

Filme wie „Vier Fäuste für ein Halleluja“, „Zwei wie Pech und Schwefel“, „Zwei Himmelhunde auf dem Weg zur Hölle“ oder „Das Krokodil und sein Nilpferd“ sind Blockbuster und werden zu Klassikern. Die Handlung ist oft zweitrangig. Das Publikum kommt wegen der Prügeleien, der verbalen Schlagfertigkeiten und der unverwechselbaren Chemie zwischen Spencer und Hill.

Dabei sind die Kämpfe nie brutal im eigentlichen Sinn. Sie sind Slapstick, fast schon Tanz. Ohrfeigen klatschen, Gegner fliegen durch Fenster und landen in Wassertrögen. Die Gewalt wird zur Komik und macht die Filme selbst für Familien attraktiv. Gerade darin liegt ihr Erfolgsgeheimnis.

Ein Kultphänomen in Deutschland

In keinem Land außerhalb Italiens werden Bud Spencer und Terence Hill so verehrt wie in Deutschland. Ein wesentlicher Grund dafür ist die deutsche Synchronisation von Dialogautor Rainer Brandt (1936-2024). Die Dialoge werden oft freier und humorvoller gestaltet als im Original. Zahlreiche Sprüche entwickeln Kultstatus und prägen das Bild der Figuren bis heute. Clips mit einzelnen Szenen oder Sprüchen erfreuen sich im Social-Media-Zeitalter extremer Beliebtheit und gehen viral. So besteht in Deutschland eine eigene Version des Bud-Spencer-Universums.

Die besondere Verbindung zeigt sich auch jenseits der Leinwand. In Schwäbisch Gmünd wird 2011 ein Freibad nach ihm benannt – das „Bud Spencer Bad“, in dem er in den 1950er-Jahren einen Länderkampf gegen das deutsche Schwimmteam bestritt. Bei der Einweihung wird er von Tausenden Fans gefeiert. Auch im thüringischen Ilmenau kommen regelmäßig Tausende Menschen zusammen, um Bud Spencer ausgiebig zu feiern. Sie essen Bohnen, hören Filmmusik, zitieren alte Szenen und lachen über jene legendären Ohrfeigen, die nie wirklich weh taten. Das „Spencerhill-Festival“ ist längst eines der größten Fantreffen Deutschlands.

„Ich lehne Gewalt ab“

Wer Bud Spencer nur aus seinen Filmen kennt, könnte ihn auch privat als raubeinigen Haudrauf einschätzen. Tatsächlich war er das Gegenteil. In einem Interview mit dem „Focus“ sagt Carlo Pedersoli 2011 über seine berühmte Leinwandfigur: „Bud Spencer würde jedem, der ihn stört, eine verpassen. Ich dagegen lehne Gewalt ab. Ich suche immer den Dialog.“ 1960 heiratet er in Rom seine Freundin Maria Amato (91). Sie ist die Tochter des Filmproduzenten Giuseppe Amato (1899-1964), der für die „Don Camillo“-Filme oder „La Dolce Vita“ verantwortlich ist. Mit ihr hat Spencer drei Kinder. Privat gibt er dabei nie den Weltstar, sondern bleibt am Boden: „Er war als Mensch und als Ehemann besonders“, so seine Witwe Maria Pedersoli. „Er hat sich zu Hause nie in den Vordergrund gedrängt. Im alltäglichen Leben habe ich mich natürlich mehr um die Kinder gekümmert als er. Aber er war trotzdem irgendwie immer bei uns, auch wenn er unterwegs war.“

Bud Spencer – das Multitalent

Eine Leidenschaft allein reicht ihm nicht. Carlo Pedersoli interessiert sich für vieles. Ehe seine Filmkarriere so richtig abhebt, arbeitet er als Musik-Komponist für die italienische Plattenfirma RCA. Am Klavier komponiert er neapolitanische Lieder und Schlager. In den 70er-Jahren macht er die Pilotenscheine für Flugzeug und Helikopter und gründet 1981 die Airline „Mistral Air“. Er betätigt sich als Erfinder und besitzt mehrere Patente, zum Beispiel für einen Gehstock mit diversen Zusatzfunktionen. Als er 2011 gefragt wird, ob er Probleme mit dem Älterwerden habe, antwortet er: „Schon seit unserem ersten Schrei als Säugling sind wir auf dem Weg zum Tod. Ich habe deshalb das Motto: Lass mich vorbei, ich lebe gerade mein Leben!“

Brummiger Held mit moralischem Kompass

Am 27. Juni 2016 stirbt Carlo Pedersoli im Alter von 86 Jahren in Rom. Die Nachricht löst weltweit Trauer aus, besonders in Italien und Deutschland. Sein Sohn Giuseppe Pedersoli (geb. 1961) teilt damals mit: „Er hat nicht gelitten, er hatte uns alle bei sich und sein letztes Wort war ‚Danke‘.“ Zehn Jahre später ist Bud Spencer präsent geblieben. Seine Filme laufen weiterhin im Fernsehen, werden gestreamt und von neuen Generationen entdeckt. Was ihn unvergessen macht, ist vor allem die Wärme, die hinter der Figur spürbar ist.

Bud Spencer verkörpert eine Form von Heldentum, die nie altmodisch wirkt: Er stellt sich auf die Seite der Schwachen und bekämpft die Mächtigen. Dabei bleibt er stets menschlich und humorvoll. Seine Figuren mögen brummig erscheinen, doch ihr moralischer Kompass ist eindeutig. Auch deshalb bleibt Bud Spencer in Erinnerung. Als Teil der Popkultur. Und für viele Menschen auch als ein Stück Kindheit, das niemals verloren geht.

(jök/spot)

Bild: Carlo Pedersoli bleibt als Bud Spencer unvergessen. / Quelle: imago/Jörn Haufe

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