Die kanadische Dichterin Anne Carson (76) erhält den diesjährigen Literaturnobelpreis. Das gab die Schwedische Akademie am Donnerstag in Stockholm bekannt. Die 76-Jährige werde „für ihr kühnes und erfindungsreiches Schaffen“ geehrt, „das im spielerischen Dialog mit der klassischen Tradition neue Formen für die zeitgenössische Literatur kreiert hat“.
Der Preis ist mit zwölf Millionen schwedischen Kronen dotiert, das sind rund 1,2 Millionen US-Dollar. Carson ist erst die 19. Frau unter insgesamt 123 Preisträgern.
Ein kurzes Telefonat nach Island
Ingrid Carlberg (64), Ständige Sekretärin der Akademie, rief Carson kurz vor der öffentlichen Verkündung selbst an. Viel Zeit für ein Gespräch blieb offenbar nicht. Carson habe ihr gerade noch sagen können, dass sie sich im Moment in Island aufhalte, „wo sie dem Wind lauscht“, erzählte Carlberg laut „BBC“.
Die Neuigkeit habe die Autorin kalt erwischt. „Sie war überrascht, aber sehr glücklich. Das konnte ich an ihrer Stimme hören“, so Carlberg.
Eine Lateinlehrerin legte den Grundstein
Carson kam am 21. Juni 1950 in Toronto zur Welt. In ihrer Jugend zog die Familie durch zahlreiche Kleinstädte Kanadas. Ihre Liebe zu Sprache und Antike verdanke sie einer geschätzten Lateinlehrerin. Davon ist sie nie mehr losgekommen: Seit mehr als 30 Jahren lehrt Carson als Professorin für klassische Philologie, unter anderem an den Universitäten McGill und Princeton.
In eine Schublade passen ihre Bücher kaum. Carson mischt Lyrik, Essay und Fiktion und schöpft dabei immer wieder aus Mythen der griechischen und römischen Antike. Schon ihr erstes Buch, „Eros the Bittersweet“ von 1986, sorgte für Aufsehen. Darin untersucht sie Lust und Schmerz des Begehrens in der altgriechischen Literatur.
Der Preis ging 2025 nach Ungarn
Große Beachtung fand auch ihr Roman „Autobiography of Red“. Für „Men in the Off Hours“, eine Sammlung aus Gedichten und Prosa, bekam Carson 2001 den kanadischen Griffin Poetry Prize. In „Norma Jeane Baker of Troy“ stellt sie Marilyn Monroe neben Helena von Troja. Daneben hat sich Carson als Übersetzerin antiker Dichter wie Sappho und Sophokles einen Namen gemacht.
Im vergangenen Jahr war der ungarische Schriftsteller László Krasznahorkai (72) mit dem Literaturnobelpreis ausgezeichnet worden. Die Nobelpreiswoche geht derweil weiter: Am Freitag wird der Friedensnobelpreis verkündet, am kommenden Montag folgt der Preis für Wirtschaftswissenschaften.
(des/spot)
Bild: Der Literaturpopelpreis geht an Anne Carson. / Quelle: IMAGO/TT



