Die Nachricht wollte damals kaum zu seinem Leben passen. Felix Baumgartner (1969-2025), der Mann, der aus fast 39 Kilometern Höhe zur Erde gesprungen war, der im freien Fall die Schallmauer durchbrach und die Kontrolle über Extremsituationen perfektionierte, starb ausgerechnet bei einem Paragliding-Flug. Am 17. Juli 2025 verunglückte der österreichische Extremsportler im italienischen Porto Sant’Elpidio mit einem propellergetriebenen Gleitschirm. Ein Jahr später erinnert sich die Welt nicht nur an den ehemaligen Rekordhalter. Baumgartner war ein Mann mit Ecken und Kanten, der Grenzen verschob, Risiken studierte und der wusste: Absolute Kontrolle ist eine Illusion, Angst bleibt real.
„Ich komme jetzt nach Hause“
Am 14. Oktober 2012 blickt die Welt in den Himmel. In einer Druckkapsel, getragen von einem riesigen Heliumballon, steigt Felix Baumgartner auf rund 39 Kilometer Höhe. Unter ihm die Erde, vor ihm der freie Fall. Baumgartner steht auf einer winzigen Plattform außerhalb seiner Kapsel in den Weiten des Weltraums. Er sagt: „Ich wünschte, die ganze Welt könnte jetzt sehen, was ich sehe.“ Und: „Manchmal musst du hoch hinaus, um zu verstehen, wie klein du bist.“ Im Video des Sprungs ist zu sehen, wie nervenzerreißend lange er wartet. Er will nicht in die lebensgefährliche Über-Rotation kommen, die er vielleicht nicht mehr stoppen kann. Dann gibt ihn das Kontrollzentrum in New Mexico frei: „Ok, Felix.“ Und er antwortet: „I am coming home now“ – „Ich komme jetzt nach Hause.“
Der Österreicher springt und fällt fast vier Minuten durch die Erdatmosphäre. Mit Mach 1,25 beschleunigt er in 50 Sekunden auf mehr als 1.300 Kilometern pro Stunde. „Fearless Felix“, so sein Spitzname, schreibt Geschichte. Ein deutlich hörbarer Knall in der Atmosphäre beweist: Baumgartner durchbricht als erster Mensch frei fallend die Schallmauer. Als er doch durch die Luft rotiert, bangen alle mit ihm. Instinktiv bewegt er leicht seine Arme und kann sich abfangen. Nach seiner sicheren Landung auf der Erde sinkt Baumgartner erschöpft und wie befreit von einer Last auf die Knie.
Tödliche Abwärtsspirale
Am 17. Juli 2025 überschlagen sich erneut die Nachrichten um ihn. Es ist traurige Gewissheit: Felix Baumgartner ist tot. Aus zunächst unerklärlichen Gründen fällt er mit seinem Gleitschirm zu Boden. Er stürzt auf eine Holzhütte, die neben dem Pool einer Hotelanlage in Porto Sant’Elpidio an der italienischen Adria steht. Baumgartner ist ein routinierter Paraglider. Warum stirbt ausgerechnet der Mann, der als Erster die Schallmauer durchbrach, bei einem Freizeit-Flug?
Die Staatsanwaltschaft bringt Licht ins Dunkel. Es habe sich um menschliches Versagen gehandelt, so ein Bericht. Baumgartner sei samt Fluggerät in eine tödliche Abwärtsspirale geraten: „Es kam zu einem raschen Höhenverlust. (…) Baumgartner war nicht in der Lage, den Schirm aus der Spirale herauszusteuern.“ Der Rettungsschirm sei erst wenige Augenblicke vor dem Aufprall auf den Boden ausgelöst worden.
„Wenn es eng wird, werden die Menschen katholisch“
Der gelernte Kfz-Mechaniker Baumgartner schraubt schon früh an den vermeintlichen Gesetzen der Welt. Als gleichzeitig „peinlich genau“ und „nimmersatten, wilden Hund“ beschreibt ihn sein Mentor Roland Rettenbacher. Er führt den 17-jährigen Baumgartner ins Skydiving ein. Mit 18 verpflichtet der sich für fünf Jahre beim österreichischen Bundesheer. Nachdem er sich den dortigen Regeln nicht unterordnen will, wird er kurzerhand entlassen.
Seine ganze Energie gehört nun dem Fallschirmsport und Sprüngen von Gebäuden oder Objekten, dem so genannten Basejumping. So springt er 1999 von der Christus-Statue in Rio de Janeiro. Es ist sein Durchbruch und der Sprung, der ihm „am meisten im Gedächtnis ist“, wie er 2011 in einem Interview mit den „Oberösterreichischen Nachrichten“ bekennt. Auch eine gewisse „religiöse Komponente“ kurz vor dem Sprung verneint er nicht: „Wenn es wirklich eng wird, werden die Menschen katholisch“, so Baumgartner lakonisch. Dass vor seinem Stratosphären-Sprung eine Pressemeldung über seinen Tod bereit lag, gibt er gegenüber „OÖN“ 2012 ebenfalls zu: „Es ist ziemlich bizarr, wenn man einen solchen Text lesen und absegnen muss.“
Kompass-Verlust nach Stratosphären-Sprung
Der bahnbrechende Stratosphären-Sprung ist gleichbedeutend mit dem Ende von Baumgartners Extremsport-Karriere. Stattdessen wird er von Talkshow zu Talkshow gereicht und macht mit Extrem-Sätzen ganz anderer Art von sich reden. Er lässt sich immer öfter zu verbalen politischen und gesellschaftlichen Grenzverletzungen hinreißen, wie der „Stern“ zusammenfasst. So fordert er 2012 die Errichtung einer „gemäßigten Diktatur“, spricht sich für die Verleihung des Friedensnobelpreises für Ungarns Ministerpräsidenten Orban aus. Er provoziert mit Aussagen zur österreichischen Flüchtlingspolitik, lässt Sympathien für die rechtsextreme Identitäre Bewegung erkennen und schießt Breitseiten gegen den Feminismus.
Baumgartner, der zuvor in Extremsituationen stets die Orientierung behalten hat, scheint seinen Kompass verloren zu haben. Bereits im Oktober 2014 büßt er seinen Sprung-Höhenrekord zugunsten des damals 57-jährigen US-Managers Robert Alan Eustace ein. Halt gibt ihm ab 2014 bis zu seinem Tod die Beziehung zur rumänischen TV-Moderatorin Mihaela Radulescu (56). Im Juli 2025 hält sich Baumgartner mit ihr wieder einmal an der italienischen Adria auf, um mit dem motorisierten Para-Schirm durch die Lüfte zu gleiten. Euphorisch filmt er sich damals im fast schwerelosen Flug – nicht ahnend, dass sein Ende auf Erden kurz bevorsteht.
„Fearless Felix“ ganz und gar nicht furchtlos
Am 14. Oktober 2012 ist der Himmel, aus dem Baumgartner gen Erdboden springt, pechschwarz. Vier Minuten später landet er in der Wüste New Mexikos unter strahlendem blauem Firmament. Symbolisch überwindet er so die ewige Angst des Menschen vor dem Sprung ins Nichts. Baumgartner leistet damals unzweifelhaft Großes. Er ist mutig genug – und gleichzeitig ganz und gar nicht furchtlos. Die Aussagen des angeblich Furchtlosen zum Thema Angst sind bemerkenswert: „Angst habe ich immer“, sagt er 2011 „OÖN“, „ich habe nie Spaß gehabt, bei dem, was ich mache. Der Spaß fing immer erst dann an, wenn ich gesund zurückgekommen bin.“
Seine Freundin Mihaela Radulescu verliert im Dezember 2025, fünf Monate nach Felix Baumgartner, auch ihre Mutter und schreibt laut „Bild“ nach dem doppelten Verlust: „Heute, mehr denn je, hätte ich sein überlebensgroßes Lächeln und seine Umarmungen gebraucht, seine Art, mir zu sagen, dass alles … ok sein wird.“ Baumgartner hat einmal gesagt, die Angst zu unterdrücken, komme für ihn nicht infrage: „Du kannst im Leben alles anlügen, nur den eigenen Kopf nicht. Die Angst ist eine wichtige Schutzfunktion. Und natürlich bleibt eine Grundangst, denn du weißt, du brauchst dieses Bisschen Glück.“ Vor einem Jahr hat den Mann, der schon einmal den Himmel berührte, das Glück verlassen. Und man wünscht ihm, dass er dort endgültig seinen Frieden gefunden hat.
(jök/spot)
Bild: Hat die Grenzen ausgereizt: Felix Baumgartner. / Quelle: imago/ZUMA Press Wire / Kyle Gustafson



