Ein Jahr ohne Franziskus: Der unvergessene Papst der Nächstenliebe

Ein Jahr ohne Franziskus: Der unvergessene Papst der Nächstenliebe

Irgendwie ist er immer noch da. Seine erst kräftige, dann leicht gebeugte, zuletzt erschöpfte Gestalt. Das Lächeln, das sein müdes Gesicht aufleuchten ließ. So haben ihn zumindest die meisten Gläubigen in bleibender Erinnerung. Als den Mann, der sich Franziskus nannte: ein Papst für die Herzen.

Er starb einen Tag nach „Urbi et Orbi“-Ostersegen

Vor einem Jahr ist dieses Oberhaupt der römisch-katholischen Kirche mit 1,4 Milliarden Gläubige weltweit am 21. April mit 88 Jahren gestorben, am Ostermontag, nur einen Tag nachdem er der Christenheit ein letztes Mal den Ostersegen Urbi et orbi erteilt hatte.

An diesem Morgen des 21. Aprils 2025 verkündete der Camerlengo (Kardinalkämmerer des Heiligen Stuhls), dass Franziskus „in das Haus des Vaters zurückgekehrt“ sei: „Er hat uns gelehrt, die Werte des Evangeliums mit Treue, Mut und universeller Liebe zu leben, insbesondere zugunsten der Ärmsten und Ausgegrenzten.“ Der Papst der Armen – so wird Franziskus im Gedächtnis der Kirchengemeinschaft und der Vatikangeschichte bleiben.

Franz von Assisi als Vorbild

Der Argentinier Jorge Mario Bergoglio wählte nach seiner Wahl zum Papst im Jahr 2013 den Namen Franziskus – in Anlehnung an Franz von Assisi, den Gründer des Franziskanerordens. Der Heilige aus dem 12. und 13. Jahrhundert stammte aus einer wohlhabenden Tuchhändlerfamilie in Umbrien. Nach dem Vorbild Jesu entschied er sich jedoch für ein Leben in Armut. Er verzichtete auf jeglichen Wohlstand, trug eine einfache Kutte, die mit einem Strick gehalten wurde, lehnte Besitz und sogar den Kontakt mit Geld strikt ab und kümmerte sich um die Armen seiner Heimat. So wurde er zu einem der bekanntesten und meistverehrten Heiligen.

Vor Bergoglio hatte sich noch kein Papst den Namen Franziskus gegeben. Es gab 23 Johannese, 16 Benedikte und 12-mal einen Pius, aber bis 2013 keinen einzigen Franziskus – bis Bergoglio kam, der sich als erster nach dem Heiligen der Bedürftigen nannte.

Ein charismatischer Mann. Freundlich, humorvoll, bescheiden, doch auch beharrlich, durchsetzungsstark – und unkonventionell. Einer, der im Fanschal des argentinischen Erstligaclubs San Lorenzo bei Fußballübertragungen vor dem Fernseher saß – und übrigens auch seit 2014 Mitglied beim deutschen Drittligisten TSV 1860 München war.

Eine weltliche Vergangenheit

Er hatte keine Berührungsängste und, im Gegensatz zu seinem Vorgänger Benedikt XVI., dem deutschen Theologie-Ass Prof. Dr. Joseph Ratzinger (1927-2022), eine weltliche Vergangenheit: Vor seiner Berufung zum Priester war der junge Bergoglio in seiner Heimatstadt Buenos Aires als Hausmeister, Türsteher und Chemietechniker tätig. Er war sogar mal verlobt.

Dass 2013 auf den Traditionalisten und theologischen Bewahrer Benedikt XVI. ein Reformer folgen würde, zeichnete sich bereits am Abend nach dem Konklave ab: Da stand der Neue auf der Loggia des Petersdoms und begrüßte die Menschen mit „Brüder und Schwestern, guten Abend!“ Die Gläubigen hatten sofort das Gefühl: Dort oben steht einer von uns.

„Der Karneval ist vorbei“

So hat er sich auch selbst gesehen. Nicht als Oberhaupt der Kirche, sondern als Dienender im Namen Gottes. „Der Karneval ist vorbei“, sagte er und beschloss, die üblichen roten Papstschuhe nicht anzuziehen, sondern trug weiterhin sein ausgetretenes, orthopädisches Schuhwerk.

Auch auf den üblichen Dienstwagen mit Chauffeur verzichtete Franziskus. Er fuhr mit dem Bus zurück zu seiner Unterkunft, zahlte seine Rechnung selbst und ging später zu Fuß zum Apostolischen Palast. Die päpstliche Wohnung bezog er nicht; stattdessen lebte er im vatikanischen Gästehaus Santa Marta, wo er gemeinsam mit Gästen frühstückte, die an seiner Morgenmesse teilnahmen.

Er hat wiederholt Gärtner und Reinigungskräfte des Vatikans sowie Obdachlose und Häftlinge zum Essen ins Gästehaus Santa Maria eingeladen und fuhr bisweilen mit einem gebrauchten Renault R4, ein Geschenk, durch den Vatikan, verschenkte Schlafsäcke an Obdachlose und ließ für sie Duschen rund um den Petersplatz aufbauen. Franziskus strebte eine „arme Kirche für die Armen“ an, mit größerer materieller Zurückhaltung und mehr Hilfe für Bedürftige, ganz im Sinne von Franz von Assisi, für ihn ein Mann der Armut, des Friedens, der die Schöpfung liebte und bewahrte.

Haltung, Widersprüche und ein Nachfolger im Kontrast

Franziskus fuhr – als erste Dienstreise – zu den Flüchtlingen auf die Insel Lampedusa und sprach über die grassierende Gleichgültigkeit: „Die Wohlstandskultur, die uns dazu bringt, nur an uns selbst zu denken, macht uns unempfindlich gegen die Schreie der anderen. Sie lässt uns in Seifenblasen leben, die schön sind, aber nichts. Die eine Illusion des Nichtigen, des Flüchtigen sind, die zur Gleichgültigkeit gegenüber den anderen führen.“

Im Umgang mit Homosexuellen schlug er neue Töne an. Sein Satz „Wenn ein Mensch schwul ist und guten Willens den Herrn sucht, wer bin ich, dass ich darüber urteilen könnte?“ wurde weltweit als Signal der Öffnung verstanden. In anderen Fragen blieb Franziskus jedoch auf der traditionellen Linie der Kirche: Am Zölibat hielt er fest, die Priesterweihe für Frauen lehnte er weiterhin ab, und Schwangerschaftsabbrüche verglich er mit Auftragsmord.

Nach Franziskus‘ Tod folgte ihm der 19 Jahre jüngere amerikanisch-peruanische Kardinal Robert Francis Prevost (70), der sich Leo XIV. nannte. Ein distanziert wirkender Papst, trotz ihrer ähnlichen Ansichten zu den großen Themen. „Wo Franziskus spontan, unberechenbar und zu schlagzeilenträchtigen Dramen neigend war, hat sich Leo als der stille Papst herauskristallisiert, zurückhaltender, bedächtiger und in vielerlei Hinsicht traditionell“, schrieb die „Washington Post“.

Doch dann zettelte der US-Präsident eine hitzige Kontroverse über die Kritik des Papstes am Irankrieg an. Donald Trump (79) ätzte über Leo, er sei „schrecklich“, ein „Gefangener der Linken“ und ihm zu „Dank verpflichtet“. Der antwortete ebenso klar und deutlich wie souverän: Die Welt werde von „wenigen Tyrannen zerstört“ und: „Ich habe keine Angst vor einer Trump-Regierung“. Da glaubten viele, auch Franziskus zu hören.

(ln/obr/spot)

Bild: Papst Franziskus ist am 21. April 2025 (Ostermontag) im Alter von 88 Jahren verstorben. / Quelle: ActionPress/Vandeville Eric/ABACA/ipa-agen

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