Bei der Frage nach weiblichen Showstars des deutschen Fernsehens fallen die Namen der üblichen Verdächtigen: Helene Fischer (41), Barbara Schöneberger (52), Ina Müller (60), Linda de Mol (62), Ulla Kock am Brink (65).
Helene Fischer dürfte die ungekrönte Königin sein, eine Quotengarantie als Bühnenstar, vor allem präsent als artistische Sängerin. Barbara Schöneberger ist das Multitalent, eine schlagfertige Moderatorin, Sängerin, Komödiantin mit einzigartigem Lachen und Augenrollen. Linda de Mol und Ulla Kock am Brink – das war einmal vor gut 20 Jahren. Und die Late-Night-Größe Ina Müller ist mit ihrem Humor und ihrer Stimme immer gut für ein unterhaltsames Betthupferl, bei der großen Wochenend-Unterhaltung ist sie (noch) nicht gelandet.
Jemand vergessen? Oh ja, eine Frau mit freundlichem Wesen und markantem blondem Bob, die sich in das Dickicht der Samstagabend-Unterhaltung gewagt hat, als es noch von Männern – sprich: Thomas Gottschalk (76) – dominiert wurde.
Jahrzehntelanges Aushängeschild
Carmen Nebel war die große Ausnahme. Selbst „Der Spiegel“, der das öffentlich-rechtliche Entertainment gern mit spitzer Feder aufspießt, schrieb über eine ihrer Sendungen leicht irritiert, dass sich darüber „wenig sagen“ ließe: „Nebel wirkte gewohnt resch und rüstig und gusseisern gut gelaunt.“ Ein karges Kompliment, aber ein Ritterschlag.
Über 30 Jahre hat sie im Ersten und ZDF Schlager und Volksmusik moderiert. Das Publikum mochte ihre ruhige, souveräne Art, bei der gute Laune nie mit Hysterie und einer unerbittlichen Jagd nach Gags verwechselt wurde. Am 24. Juli wird diese Carmen Nebel 70 Jahre alt. Es ist still um sie geworden, denn sie ist im Ruhestand. Im Fernsehen taucht sie so gut wie nie auf.
Das Medium war einmal ihr Lebensinhalt. Die gebürtige Sächsin aus Grimma im Landkreis Leipzig hatte zunächst in der DDR Pädagogik, Germanistik und Anglistik an der Berliner Humboldt-Universität studiert, bevor sie Lehrerin für Deutsch und Englisch wurde. Doch das sollte nicht alles gewesen sein, denn sie wollte ins Fernsehen.
1979 war sie bei einem Talentwettbewerb entdeckt worden, noch im selben Jahr wurde sie freiberufliche Programmansagerin beim Fernsehen der DDR. Einige Jahre später gab sie ihren Lehrerberuf auf und stieg hauptamtlich in die TV-Unterhaltung ein. Bereits ab 1986 moderierte sie in der DDR verschiedene TV-Shows, 1989 bekam sie mit „Sprungbrett“ ihre eigene Sendung, im gleichen Jahr wurde sie zum „Fernsehliebling der DDR“ gewählt.
Florian Silbereisen wurde ihr Nachfolger
Nach der Wiedervereinigung und der Abwicklung des DDR-TV wechselte Carmen Nebel ins öffentlich-rechtliche Westfernsehen zur ARD. Zunächst moderierte sie die deutsche Vorentscheidung des Eurovision Song Contest, wurde Sprecherin der deutschen Jury, dann ab 1994 präsentierte sie 46 Samstagabendshows „Die Feste der Volksmusik“ (ARD/ORF) sowie die Sendung „Krone der Volksmusik“ und wurde 2003 von einem jungen Mann namens Florian Silbereisen (44) abgelöst.
Man hatte sie jedoch nicht abgeschossen, sondern Carmen Nebel war zur Konkurrenz ZDF gewechselt, wieder mit einer eigenen Samstagabendshow: „Willkommen bei Carmen Nebel“, die von ihrer Berliner Firma TeeVee Produktions GmbH produziert wurde und bei der sie 20 Jahre lang neben bekannten Schlagerstars auch begabte Nachwuchsleute vorstellte.
Carmen Nebel avancierte in dieser Zeit auch zum öffentlich-rechtlichen Weihnachtsengel. 18 Jahre moderierte sie „Die schönsten Weihnachts-Hits“, von 2004 bis 2011 „Alle Jahre wieder – Weihnachten mit dem Bundespräsidenten“ und schließlich elf Jahre die Nachfolgesendung „Heiligabend mit Carmen Nebel“.
Für die „Süddeutsche Zeitung“ stand, „gefühlt seit Menschengedenken“, fest: „Im Advent erscheint, wie damals der Stern am Himmel von Bethlehem, Carmen Nebel im Fernsehen, um ihr Publikum mit Schlager und Volksmusik weihnachtlich einzustimmen“. Die Zeitung meckerte gar nicht mal am Niveau der Shows rum, sondern verglich sie mit Glühwein, den bekanntlich (fast) jeder mag: „warm, süß, einlullend, nach einer Weile gerät man automatisch ins Schunkeln“.
Souveräner Abschied
2021 war schließlich Schluss mit „Willkommen bei Carmen Nebel“, 2024 auch mit dem Weihnachtszauber der Moderatorin. Und die „SZ“ schrieb: „Auch die letzte Show absolviert sie souverän und stilvoll im schwarzen, schlicht gehaltenen Kostüm. Schillernd oder nebulös ist selbst an ihrem Ausscheiden nichts, sie habe sich bewusst entschieden, mit 68 Jahren in den Ruhestand zu gehen, gab sie bekannt. Am Ende überreicht Andreas Gabalier der Gastgeberin eine weiße Rose, angeblich aus Athen, diese soll sagen: ‚Komm recht bald wieder.‘ Es ist ein bisschen so, wie sich die meisten Leute Weihnachten wünschen: rührselig, familiär, herzlich.“
Dann sprach Carmen Nebel ihren letzten Satz als Showstar: „Es war schön, ich hab’s gerne gemacht, Tschüss, auf Wiedersehen“.
Neues Glück als Großmutter
Carmen Nebel ist nicht wiedergekommen, sie hat sich fortan aus diesem öffentlichen Leben geradezu radikal rausgehalten: Der Showstar wurde zur Rentnerin, skandalfrei wie schon in ihrem vorherigen Leben. Sie hat 2021 ihren Lebensgefährten, den Musiker und Komponisten Norbert Endlich, geheiratet. Jetzt, im Ruhestand, hat sie ihr persönliches Glück gefunden, fernab der Scheinwerfer und Showtreppe, die sie nicht vermisst.
„Es ist eine tolle neue Lebenssituation. Ich genieße das Mehr an Freizeit“, sagte sie der Zeitschrift „SuperIllu“. Sie habe jetzt eine neue Aufgabe als Großmutter gefunden. Ihr Mann Norbert Endlich ist Vater von Schlagersängerin Ella Endlich (42), und die hat vor drei Jahren ihr erstes Kind bekommen.
An einen Rücktritt vom Rücktritt habe Carmen Nebel nie gedacht, dazu gefalle ihr das ruhige Leben jenseits der Kameras zu gut. Außerdem, und da kommt ein Hauch von Kritik auf, habe sich „Haltung und Sprache“ verändert „und damit die Protagonisten: „Es ist schon gut so, dass ich nicht mehr dazugehöre.“
(ln/hub/spot)
Bild: Carmen Nebel zog sich 2024 von den TV-Bildschirmen zurück. / Quelle: imago/Panthermedia / PBecher





