Staatsanwälte im TV-Krimi: Mehr als nur Nebenfiguren

Staatsanwälte im TV-Krimi: Mehr als nur Nebenfiguren

Mal sind sie Showstopper, mal öffnen sie Türen, fast immer aber spielen sie eine zentrale Rolle bei den Ermittlungen – die Rede ist von den Staatsanwältinnen und Staatsanwälten im „Tatort“. Kultstatus erreichte Mechthild Großmann (77), die als Münsteraner „Tatort“-Staatsanwältin Wilhelmine Klemm von 2002 bis 2025 für unterhaltsame Szenen sorgte. Ebenfalls bemerkenswert charismatisch spielt Rachel Braunschweig (58) seit 2020 die Zürcher „Tatort“-Staatsanwältin Anita Wegenast. Wenig kooperativ zeigt sich dagegen Matuschek – seit 2015 verkörpert von Moritz Führmann (47) – als zuständiger Staatsanwalt im Dortmunder „Tatort“-Team…

Doch warum spielen Staatsanwältinnen und Staatsanwälte eigentlich oft so eine gewichtige Rolle in den TV-Krimis? Das hat mehrere Gründe:

Die eigentlichen Leiter der Ermittlungen

Anders als viele Zuschauer vielleicht vermuten, ist ihre prominente Stellung keineswegs nur ein dramaturgischer Kunstgriff. Tatsächlich kommt der Staatsanwaltschaft im deutschen Strafverfahren eine Schlüsselrolle zu: Im deutschen Recht gilt die Staatsanwaltschaft als „Herrin des Ermittlungsverfahrens“. Sie leitet die Ermittlungen, entscheidet über deren Richtung und trägt letztlich die Verantwortung dafür, ob Anklage erhoben wird oder nicht. Die in den TV-Krimis oft im Mittelpunkt stehenden Kommissare sind rechtlich gesehen „Ermittlungspersonen der Staatsanwaltschaft“ und an deren Weisungen gebunden.

Dramaturgie im TV-Krimi

Ein Staatsanwalt verkörpert den Staat und entscheidet über die Frage, ob Anklage erhoben wird oder nicht. Das schafft Konflikte und Spannung. Drehbuchautoren können über die Figur moralische und rechtliche Dilemmata darstellen: Reichen die Beweise? Soll ein Deal angeboten werden? Ist die Ermittlungsmaßnahme verhältnismäßig?

Vereinfachung komplexer Abläufe

In Wirklichkeit sind Strafverfahren oft arbeitsteilig und bürokratisch. TV-Krimis bündeln Entscheidungen gern in wenigen Figuren. Gleichzeitig konzentrieren sie sich meist auf die Polizeiarbeit vor Ort, weil sich Verfolgungsjagden, Spurensuche und Verhöre leichter erzählen lassen als juristische Entscheidungsprozesse. Dadurch entsteht mitunter der Eindruck, die Polizei führe die Ermittlungen allein, obwohl die Staatsanwaltschaft rechtlich die übergeordnete Instanz ist.

Einfluss aus internationalen Krimiformaten

Besonders US-amerikanische Serien haben das Bild des Staatsanwalts geprägt. Serien wie „Law & Order“ stellen Polizei und Staatsanwaltschaft als gleichwertige Hauptakteure dar. Diese Erzählweise hat viele andere Krimiformate beeinflusst.

Spannende Gegenfigur zur Polizei

Der Staatsanwalt kann Druck ausüben, Ermittlungen stoppen oder beschleunigen und andere Prioritäten setzen als die Kommissare. Dadurch entstehen Konflikte innerhalb des Teams, was für Zuschauer oft interessanter ist als ein reibungsloser Ermittlungsablauf.

Manche Juristen kritisieren allerdings, dass TV-Krimis die Rollen von Polizei, Staatsanwaltschaft und Gerichten häufig verzerren. In deutschen Fernsehkrimis wirken Staatsanwälte oft viel präsenter bei Verhören, Tatortbesuchen und operativen Ermittlungen, als sie es in der Praxis meist sind. Umgekehrt wird jedoch häufig unterschätzt, wie groß ihr tatsächlicher Einfluss auf ein Ermittlungsverfahren ist. Denn auch wenn Staatsanwälte selten selbst am Tatort stehen, treffen sie viele der entscheidenden rechtlichen Weichenstellungen und tragen die Verantwortung für das gesamte Verfahren.

(ili/spot)

Bild: Rachel Braunschweig (l.), Mechthild Großmann und Moritz Führmann spielen und spielten Staatsanwälte im „Tatort“. / Quelle: [M] imago/Future Image / Nicole Kubelka

Das könnte dir auch gefallen

Mehr ähnliche Beiträge