Offener Brief: Bardem bis Swinton üben Kritik an der Berlinale

Offener Brief: Bardem bis Swinton üben Kritik an der Berlinale

In einem offenen Brief üben 81 Filmschaffende scharfe Kritik an der diesjährigen Berlinale. In dem im Branchenmagazin „Variety“ veröffentlichten Schreiben zeigen sich bekannte Schauspieler und Regisseure „bestürzt“. Ihrer Meinung nach gebe es eine „Beteiligung an der Zensur von Künstlern, die Israels andauernden Völkermord an den Palästinensern im Gazastreifen ablehnen“ – und die deutsche Regierung spiele „eine Schlüsselrolle bei der Ermöglichung“.

Berlinale: Eine „moralische Pflicht“

Von den Unterzeichnerinnen und Unterzeichnern – darunter Film- und Serienstars wie Tilda Swinton (65), Javier Bardem (56), Tobias Menzies (51), Tatiana Maslany (40) oder Brian Cox (79) und Regisseure wie Adam McKay (57) und Mike Leigh (82) – wird eine klare Haltung gefordert. Wie sich das Festival in der Vergangenheit bereits mit Menschen in der Ukraine und im Iran solidarisiert habe, solle man auch jetzt seine „moralische Pflicht“ erfüllen.

Gleichzeitig stellen sich die Filmschaffenden gegen Jurypräsident Wim Wenders (80). Während einer Pressekonferenz am 12. Februar hatte der Journalist Tilo Jung die Jurymitglieder gefragt, wie sie zur Haltung der Berlinale und der deutschen Regierung bezüglich Gaza stünden. Der Regisseur hatte erklärt, dass man sich „aus der Politik heraushalten“ müsse. Mit bestimmt politischen Filmen begebe man sich „auf das Feld der Politik, aber wir sind das Gegengewicht zur Politik. Wir sind das Gegenteil von Politik.“ In dem offenen Brief heißt es: „Wir widersprechen entschieden der Aussage des Jurypräsidenten der Berlinale 2026, Wim Wenders, dass Filmemachen ‚das Gegenteil von Politik‘ sei.“ Man könne eines nicht vom anderen trennen.

Wie auch internationale Medien wie „Variety“ oder „Deadline“ berichteten, kam es ausgerechnet bei Jungs Frage im Livestream von der Konferenz zu Einschränkungen. In einem Statement war demzufolge von „technischen Problemen“ die Rede. Manche stellten sich die Frage, ob womöglich zensiert wurde. In einem auf YouTube über den offiziellen Berlinale-Kanal veröffentlichten Mitschnitt sind die erwähnten Stellen jedoch in Gänze zu sehen. Jung kommentiert dort, dass letzten Endes wohl keine Zensur vorliege, es allerdings „interessant“ sei, dass es im Stream ausgerechnet „technische Probleme“ gegeben habe, als über Palästina gesprochen wurde.

„Bei der Berlinale wurde der Ruf nach freier Meinungsäußerung laut“

Die „Der Gott der kleinen Dinge“-Autorin Arundhati Roy (64) hatte ihre Teilnahme an der Berlinale abgesagt. In einem „The Wire“ vorliegenden Statement sprach sie davon, dass es sie fassungslos mache, Mitglieder der Jury davon sprechen zu hören, dass „Kunst nicht politisch sein solle“. Es sei eine Form, „ein Gespräch über ein Verbrechen gegen die Menschlichkeit zu unterbinden“, während dieses sich in Echtzeit entfalte. Dabei sollten Roys Meinung nach „Künstler, Schriftsteller und Filmemacher alles tun, was in ihrer Macht steht, um es zu stoppen“.

„Bei der Berlinale wurde der Ruf nach freier Meinungsäußerung laut“, kommentierte Berlinale-Leiterin Tricia Tuttle die Angelegenheit unter der Überschrift „Über das Sprechen, das Kino und die Politik“. Eine freie Meinungsäußerung finde auf den Filmfestspielen statt aber zunehmend werde „von Filmschaffenden im Festival erwartet, jede an sie gerichtete Frage zu beantworten. Sie werden kritisiert, wenn sie nicht antworten. Sie werden kritisiert, wenn sie antworten und ihre Antwort einem nicht gefällt.“

Die Filmschaffenden auf der Berlinale verbinde „ein tief verwurzelter Respekt vor der Würde jedes Menschen. Wir glauben nicht, dass es unter den hier vertretenen Filmschaffenden jemanden gibt, dem gleichgültig wäre, was in dieser Welt geschieht – jemanden, der die Rechte, das Leben oder das immense Leid der Menschen in Gaza und im Westjordanland, in der Demokratischen Republik Kongo, im Sudan, im Iran, in der Ukraine, in Minneapolis und an einer erschreckend großen Zahl weiterer Orte nicht ernst nähme.“ Von Künstlerinnen und Künstlern solle allerdings nicht erwartet werden, „dass sie zu jedem politischen Thema Stellung nehmen, das an sie herangetragen wird. Es sei denn, sie möchten es.“

(wue/spot)

Bild: Javier Bardem und Tilda Swinton bei vergangenen Berlinale-Besuchen. / Quelle: [M] ddp/Stoccy / Aurore Marechal/ABACAPRESS/ddp images

Das könnte dir auch gefallen

Mehr ähnliche Beiträge