Am 6. März beginnen in Italien die Paralympischen Winterspiele 2026: Rund 600 der besten paralympischen Athletinnen und Athleten gehen an den Start. Mit dabei ist Monoskifahrer Leon Gensert (21), der mit einer inkompletten Querschnittslähmung lebt.
Beim Monoski-Aktionstag in Berchtesgaden spricht er über seine Vorbereitung auf die Winterspiele und blickt auf seine Anfänge im Wintersport zurück, die von großen Hürden geprägt waren. Gemeinsam mit Para-Leichtathlet Niko Kappel (30) macht er mit dem Inklusionsmobil – unterstützt von Rewe, der Aktion Mensch und dem Deutschen Behindertensportverband (DBS) – auf fehlende inklusive Angebote im Wintersport aufmerksam. „Oft wird Barrierefreiheit in Konzepten oder auf Webseiten ausgewiesen, doch in der Praxis zeigen sich immer wieder Schwachstellen“, erklärt Gensert im Interview.
Lieber Leon, was bedeutet es Ihnen, heute beim Monoski-Aktionstag dabei zu sein?
Leon Gensert: Ich freue mich sehr, Teil des Aktionstages sein zu können! So kann ich anderen Menschen zeigen, wie großartig unser Sport ist und welche Freiheit er Menschen mit Behinderung bietet. Der Beitrag des Inklusionsmobils sowie das Engagement von Rewe, der Aktion Mensch und des DBS sind sehr wertvoll, um Teilhabe im Sport zu stärken und zu ermöglichen.
Woran scheitert Inklusion im Wintersport am häufigsten?
Gensert: Inklusion im Wintersport funktioniert weitestgehend gut, doch manchmal ist der Weg auf die Piste das größte Hindernis. Die Barrierefreiheit ist noch nicht in allen Skigebieten auf dem gleichen Stand, das führt gelegentlich zu Schwierigkeiten. Es muss einerseits ein Bewusstsein dafür geschaffen werden, dass barrierefreie Skigebiete nicht die Ausnahme sein dürfen, sondern der Standard sein müssen. Andererseits braucht es auch Aufklärung, dass Wintersport viele Möglichkeiten für Menschen mit Behinderung bietet, aktiv zu sein. Daher ist das Inklusionsmobil eine tolle Initiative, um das Bewusstsein zu schaffen und auf inklusiven Sport aufmerksam zu machen – eine Win-win-Situation.
Was fehlt in vielen Skigebieten ganz konkret, damit Teilhabe wirklich funktioniert?
Gensert: Damit Teilhabe im Wintersport wirklich gelingt, braucht es mehr als gute Absichten. Ein barrierefreier Zugang zur Gondel ist eine absolute Grundvoraussetzung, damit Monoskifahrerinnen und Monoskifahrer selbstbestimmt und unkompliziert ein- und aussteigen können. Ebenso wichtig sind barrierefreie WCs – und zwar nicht nur irgendwo im Tal, sondern auch in den Bergstationen und Restaurants. Darüber hinaus spielt das Personal eine entscheidende Rolle: Geschulte Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter wissen, wie sie Monoskifahrerinnen und Monoskifahrern etwa beim Ein- und Ausstieg unterstützen können und welche Abläufe angepasst werden müssen. Sie erleichtern gerade am Anfang vieles.
Wie oft erleben Sie, dass es „auf dem Papier“ barrierefrei ist, aber vor Ort trotzdem nicht funktioniert?
Gensert: Das kommt durchaus vor. In Konzepten oder auf Webseiten wird Barrierefreiheit oft ausgewiesen, doch in der Praxis zeigen sich Schwachstellen. Manchmal ist ein Aufzug defekt, manchmal führt der Weg zur angeblich barrierefreien Gondel doch über Stufen oder durch zu enge Passagen. Barrierefreiheit ist eben kein Zustand, den man einmal herstellt und dann abhaken kann. Sie muss regelmäßig überprüft und gewartet werden. Sonst bleibt sie theoretisch vorhanden – funktioniert aber im entscheidenden Moment nicht.
Wenn Sie den Verantwortlichen in Skigebieten drei konkrete To-dos geben dürften: Welche wären das?
Gensert: Erstens: Schulungen für das Personal im Umgang mit Monoskifahrerinnen, Monoskifahrern und anderen Wintersportlerinnen und Wintersportlern mit Behinderung. Sicherheit im Umgang schafft Vertrauen – auf beiden Seiten. Zweitens: barrierefreie Sanitäranlagen an zentralen Punkten im Skigebiet. Ohne diese ist ein längerer Aufenthalt für viele Menschen schlicht nicht möglich. Drittens: ein ebenerdiger, durchdachter Einstieg in die Gondel. Das ist ein zentraler Baustein für selbstbestimmte Mobilität im Skigebiet. Wenn diese drei Punkte konsequent umgesetzt würden, wäre bereits ein großer Schritt in Richtung echter Inklusion gemacht – und Wintersport für deutlich mehr Menschen zugänglich.
Wie sind Sie selbst zum Monoskifahren gekommen – und was war am Anfang die größte Hürde?
Gensert: Da ich bereits als Fußgänger Ski gefahren bin und großen Spaß daran hatte, wollte ich das unbedingt weitermachen. Die größte Hürde war nach den ersten Skikursen die Anschaffung eines eigenen Monoskigeräts, die mit durchaus hohen Kosten verbunden ist.
Gab es einen Moment, in dem Sie gemerkt haben: Das ist mehr als ein Hobby, ich will das ernsthaft machen?
Gensert: Da gab es keinen spezifischen Moment. Das hat sich eher im Laufe der Zeit entwickelt – und irgendwann war ich mir sicher, dass ich es als Leistungssport betreiben und Rennen fahren will.
Was bedeutet es Ihnen persönlich, nach Ihrem Weltcup-Debüt 2025 nun so schnell den Sprung zu den Paralympics geschafft zu haben?
Gensert: Mich freut es sehr, dieses Jahr bereits an den Paralympics teilzunehmen. Da ich noch nicht so lange im Weltcup starte, sind die Paralympics eine super Gelegenheit, um Erfahrungen zu sammeln und viel Motivation für die kommenden Jahre mitzunehmen.
Wenn Sie an die kommenden Winterspiele in Italien denken: Was ist Ihr großes Ziel – und was muss dafür noch besser werden?
Gensert: Mein großes Ziel ist es, mein volles Potenzial abzurufen und auf dieser großen Bühne zu zeigen, was in mir steckt. Die Winterspiele sind nicht nur ein sportlicher Höhepunkt, sondern auch eine enorme Chance, Sichtbarkeit für den paralympischen Sport und für Inklusion insgesamt zu schaffen. Ich möchte mit meiner Leistung zeigen, dass Leistungssport und Behinderung kein Widerspruch sind. Damit das gelingt, ist neben der körperlichen Vorbereitung vor allem die mentale Stärke entscheidend. Vor so vielen Zuschauerinnen und Zuschauern, mit medialer Aufmerksamkeit und hohen eigenen Erwartungen umzugehen, ist eine besondere Herausforderung. Daran arbeite ich intensiv – etwa durch mentales Training und Routinen, die mir Sicherheit geben.
Wie sieht Ihr spezielles Training für die Pisten in Milano Cortina aus, und worauf legen Sie in den letzten Wochen vor den Spielen den Fokus?
Gensert: Grundsätzlich unterscheiden sich das Training und die Rennen vor den Paralympics nicht groß vom sonstigen Training. Die technischen, athletischen und taktischen Inhalte bleiben ähnlich – schließlich geht es darum, genau das zu festigen, was sich über die Saison hinweg bewährt hat. Jede Bewegung, jede Linie im Lauf, jede Rennroutine soll verlässlich sitzen. Gerade im Monoskisport sind saubere Technik, Körperspannung und ein präzises Timing entscheidend.
Welche Rolle spielen Vorbilder im Para-Sport: Gab es jemanden, der Ihnen gezeigt hat, „das geht“?
Gensert: Vorbilder spielen natürlich auch im Para-Sport eine enorm wichtige Rolle. Gerade am Anfang braucht man Bilder im Kopf – und Menschen, die zeigen: Das ist möglich. Für mich waren das viele Athletinnen und Athleten, die ich zunächst nur über Social Media oder YouTube kannte. Ich habe mir unzählige Videos von Monoskifahrerinnen und Monoskifahrern angesehen und war fasziniert davon, mit welcher Dynamik und Selbstverständlichkeit sie unterwegs sind. Diese Bilder haben mir Mut gemacht und Motivation gegeben, dranzubleiben. Heute bin ich immer noch beeindruckt von diesen Leistungen – aber inzwischen trete ich selbst gegen einige dieser Athletinnen und Athleten im Weltcup an. Das fühlt sich oft noch sehr unwirklich an.
Wie erleben Sie die mediale Aufmerksamkeit für paralympischen Wintersport in Deutschland – und was müsste sich ändern?
Gensert: Ich denke, dass die mediale Aufmerksamkeit für Para-Sport schon zum Teil gegeben ist. Wichtig für unseren Sport ist, dass in der Öffentlichkeit nicht das Bild vermittelt wird, wir wären „bemitleidenswerte Behinderte“, die ein bisschen Ski fahren. Wir wollen als Athletinnen und Athleten für das anerkannt werden, was wir leisten. Das ist leider noch nicht immer der Fall. Wir sind überzeugt, dass auch die Paralympics in Italien einen Beitrag leisten, dass sich die Wahrnehmung Stück für Stück ändert – ebenso das Inklusionsmobil von Rewe, Aktion Mensch und dem DBS hierzulande.
(obr/spot)
Bild: Monoskifahrer Leon Gensert. / Quelle: Rewe

