Frauenhass, bizarre Schönheits-OPs und die verzweifelte Suche nach Dominanz: Comedian Aurel Mertz (36) hat sich für sein neues Buch „Alpha-Boys“ (ab 2. Februar erhältlich, Knaur) tief in die Abgründe der sogenannten „Manosphere“ begeben und reiste sogar nach Bali, um an einem Männer-Retreat teilzunehmen.
Im Interview mit der Nachrichtenagentur spot on news spricht er über seine Erlebnisse bei der Recherche, warum das Pendel der Männlichkeit gerade wieder massiv zurückschlägt und weshalb die Gesellschaft dringend mehr Empathie statt Egokämpfe braucht.
Sie beschreiben die Reise durch die Manosphere-Welt als echten „Horrortrip“. Gab es Momente, in denen Ihnen wirklich das Lachen vergangen ist?
Aurel Mertz: Ein großer Tiefpunkt war die Recherche in Foren der „Looksmaxxing“- und „Incel“-Bewegung. Dort tauschen sich Männer aus, die das Gefühl haben, gesellschaftlich nur akzeptiert zu werden, wenn sie ihren Look auf extreme Weise optimieren. Das geht so weit, dass sie sich die Kiefer brechen lassen für ein markanteres Gesicht oder sich die Beine brechen lassen, um durch Stahlstangen zehn Zentimeter größer zu werden – auch wenn sie danach ein Jahr im Rollstuhl sitzen.
Wenn diese Veränderungen nicht den gewünschten Erfolg bringen, rutschen viele in einen tiefen Selbst- und Gesellschaftshass ab, der bis zur Rechtfertigung von Amokläufen oder Femiziden reicht. Das zu lesen, ist absoluter Horror.
Muss man mit diesen Männern Mitleid haben?
Mertz: Mit dem Hass auf ein ganzes Geschlecht habe ich kein Mitleid. Aber der Selbsthass dieser Männer ist bemitleidenswert. Viele Männer fühlen sich von der Gesellschaft abgehängt und manche wissen nicht, wohin mit sich. Radikalisierung erscheint dann als letzter Ausweg.
Wie können wir als Gesellschaft verhindern, dass es so weit kommt?
Mertz: Wir müssen anders kommunizieren. Progressive Bewegungen haben viel angestoßen, aber es gibt immer einen Backlash. Gerade in Krisenzeiten gewinnen die einfachsten Antworten – meist rechtspopulistisch. „Früher war alles besser“ verkauft sich gut und wirft uns gesellschaftlich wieder zurück. Dominanz, Härte, Alphatum feiern gerade ein Comeback – auch bei Frauen. Empathie gilt plötzlich wieder als Schwäche.
Wie sieht für Sie eine gesunde moderne Männlichkeit aus? Wie macht man Verletzlichkeit wieder erstrebenswert?
Mertz: Wir müssen anfangen, die „harten“ Anführer zu enttarnen. Es wird oft romantisiert, wenn ein Mann keine Empathie zeigt, aber eigentlich ist das ein besorgniserregendes Krankheitsbild. Wir brauchen Vorbilder, die menschlicher sind. Wir brauchen Botschafter, die nicht so tun, als wäre Härte das Wichtigste. Veränderung ist ein Prozess, den man vorleben muss. Es geht darum, Empathie nicht als Schwäche, sondern als Voraussetzung für echte Stärke zu begreifen.

Welche Rolle spielen Frauen bei dem Thema?
Mertz: Frauen sind genauso im Patriarchat gefangen. Aber Perspektiven sichtbar zu machen, hilft enorm. Als Mann merkt man vieles schlicht nicht – etwa, wie unterschiedlich sich Frauen im öffentlichen Raum bewegen müssen. Es braucht Neugier für andere Perspektiven und Geduld, sie zu erklären. Ich verstehe, dass diese Geduld bei vielen schwindet, aber wir dürfen sie nicht ganz verlieren.
Was ist das klischeehaft „unmännlichste“, das Sie heute mit Stolz tun?
Mertz: Ich habe gerade ein Video gepostet, wie ich im Supermarkt am Müsli twerke. (lacht) Und ich verbringe sehr viel Zeit mit meinen zwei Katzen. Nach manchen politischen Aussagen bin ich damit wohl offiziell eine „Childless Cat Lady“. Und ich überlege, Pole Dance auszuprobieren, weil mir das so viele Leute vorgeschlagen haben. Das gehört ja auch dazu: einfach mal andere Perspektiven nachzuvollziehen.
Was könnte jeder Mann ganz konkret heute tun, um das Patriarchat ein kleines Stück erträglicher zu machen?
Mertz: Sich ehrlich fragen: Handle ich gerade aus Überzeugung oder aus Ego? Zu reflektieren, Fehler einzugestehen – und sich selbst nicht zu ernst zu nehmen. Männer machen sich oft gegenseitig das Leben schwer mit ihren Egos. Dabei wäre es für alle einfacher, wenn wir einander wirklich unterstützen würden.
(ncz/spot)
Bild: Aurel Mertz befasst sich in seinem neuen Buch „Alpha-Boys“ mit der Bedeutung von Männlichkeit. / Quelle: ©Maximilian Motel


