Menschen mit Downsyndrom müssen ernst genommen werden, denn auch sie können Mörder sein. Heruntergebrochen ist es genau das, was der neue Zürcher „Tatort: Frei wie ein Adler“ (8. November, 20:15 Uhr im Ersten) seinem Publikum vermitteln will. In einem ansonsten eher durchwachsenen Fall gelingt das ausgesprochen gut, und zwar vor allem wegen der herausragenden Besetzung, die konsequent auf Inklusion setzt.
In ihrem zwölften Fall haben die Ermittlerinnen Isabelle Grandjean (Anna Pieri Zuercher) und Tessa Ott (Carol Schuler) einen jungen Mann mit Downsyndrom unter Verdacht, eine Frau erschlagen zu haben. Jacob Göldi (Benjamin Raue) arbeitet in der Wäscherei des Opfers und rastete nur kurz vor ihrem Tod heftig aus, weil er seinen Arbeitsplatz verlieren sollte.
„Er leidet unter Downsyndrom“
„Er war es nicht“, ist Grandjean dennoch überzeugt, nachdem sie ihn in seiner inklusiven WG besucht hat, in der er mit vier weiteren Menschen mit Trisomie 21 lebt. „Er leidet unter dem Downsyndrom.“ Ihre Kollegin hakt nach: „Hat er das gesagt?“ – „Was?“ – „Dass er darunter leidet?“
In diesem kurzen Wortwechsel steckt eigentlich schon alles. Menschen mit Downsyndrom leiden nicht unter ihrer genetischen Besonderheit, sie haben sie einfach. Der Film zeigt, was längst selbstverständlich sein sollte: Wer mit Trisomie 21 lebt, hat eigene Wünsche und Sehnsüchte – auch sexueller Natur – und ist eben nicht bloß schutzbedürftig oder bemitleidenswert. „Dass er eines schweren Verbrechens verdächtigt wird, stellt zwangsläufig einige Vorurteile infrage, die wir gegenüber Menschen haben können, die wir spontan als besonders verletzlich wahrnehmen“, erklärt Zuercher über den Hauptverdächtigen Jacob.
Benjamin Raue als Jacob
Gespielt wird dieser ebenso wütend wie berührend von Benjamin Raue, der selbst mit dem Downsyndrom geboren wurde. Bekannt wurde er 2023 durch den ZDF-Zweiteiler „Herzstolpern“, in dem er als Felix an der Seite von Sebastian Ströbel zu sehen war. Der 24-Jährige ist der erste Mensch mit Trisomie 21, der seit 2023 an einer regulären Schauspielschule ausgebildet wird.
„Jacob wird von der Polizei genauso ernst genommen wie andere Verdächtige. Er kann freundlich sein, aber auch wütend werden und Fehler machen“, erklärt der Schauspieler im Gespräch mit der ARD. „Menschen mit Trisomie 21 sind genauso unterschiedlich wie alle anderen Menschen – und genau diese Vielfalt möchte ich auch als Schauspieler zeigen.“
Die nächste Aufgabe steht auch schon fest: Anfang Januar 2027 spielt Raue in der ersten Folge der 20. Staffel von „Der Bergdoktor“ eine Episodenhauptrolle an der Seite von Hans Sigl.
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Juliane Siebecke spielt Paula
Auch seine Kollegin Juliane Siebecke (geb. 2003) kennt das „Herzstolpern“-Publikum, denn sie spielte die Freundin von Raues Figur Felix. Die Berlinerin ist seit 2024 Gaststudentin an der Filmuniversität Babelsberg. Im „Tatort“ ist sie als Paula Stuttler zu sehen, die „ziemlich genau weiß, was sie möchte“, wie Siebecke erklärt. „Mir gefällt, dass man sie als junge Frau und als eigenständige Persönlichkeit kennenlernt und ihre Story nicht über ihr Downsyndrom entwickelt wird.“
Am liebsten mochte sie die Szenen in der WG. Dort standen mehrere Schauspielerinnen und Schauspieler mit Trisomie 21 gemeinsam vor der Kamera, „auch Ensemblemitglieder vom Theater HORA“.
Einzigartiges Theaterensemble
Ebenjenes Theater HORA in Zürich ist das einzige Theater der Schweiz, dessen Ensemble ausschließlich aus Menschen mit kognitiven Beeinträchtigungen besteht. Auf seiner Website beschreibt das Haus, wie dort gearbeitet wird: Die Schauspielenden sollen möglichst selbst über ihre Arbeit entscheiden. Statt sie in die Abläufe des klassischen Theaterbetriebs zu pressen, lässt man ihnen ihre eigene, freie Spielweise.
Genauso wichtig ist HORA die Arbeit mit anderen. Ziel ist es, dass Menschen mit und ohne Beeinträchtigung irgendwann ganz selbstverständlich gemeinsam spielen. Wie das vor der Kamera aussehen kann, zeigt die inklusive WG im „Tatort“. Oder, wie es Juliane Siebecke formuliert: „Wir spielen dort nicht einfach Menschen mit Downsyndrom, sondern ganz unterschiedliche Bewohnerinnen und Bewohner mit ihren eigenen Geschichten.“
(eyn/spot)
Bild: „Tatort: Frei wie ein Adler“ (v.l.): Julian (Robin Gilly), Paula (Juliane Siebecke), Emma (Fabienne Villiger) und Fabian (Gianni Blumer) leben in der inklusiven WG des Tatverdächtigen. / Quelle: SRG SSR/Pascal Mora




