Collien Fernandes wird 45: Das unterschätzte Gesicht der Popkultur

Collien Fernandes wird 45: Das unterschätzte Gesicht der Popkultur

März 2026: Auf den Straßen deutscher Großstädte demonstrieren Tausende gegen Gewalt an Frauen, Bundesjustizministerin Stefanie Hubig kündigt neue Gesetzesinitiativen gegen digitalen Missbrauch an. Im Zentrum steht eine „Spiegel“-Titelgeschichte, in der Collien Fernandes schwere Vorwürfe gegen ihren Ex-Mann Christian Ulmen erhebt. Sie beschuldigt ihn, sie über Jahre hinweg „virtuell vergewaltigt“ zu haben.

Dabei geht es unter anderem um gefälschte Profile in ihrem Namen und sexualisierte Inhalte. Die Vorwürfe beschäftigen in der Folge auch die Gerichte. Ulmen widerspricht ihrer Darstellung in wesentlichen Punkten. Es gilt die Unschuldsvermutung.

Eine neue Welle des Feminismus

Unabhängig vom Ausgang der Ermittlungen steht Fernandes damit für eine neue, wütende Welle des Feminismus. Doch so hätte sie auch schon viel früher gesehen werden können.

Dass Fernandes heute gesellschaftliche Debatten auslöst, überrascht nur jene, die sie in den 2000er Jahren als VIVA-Gesicht in eine Schublade gesteckt hatten. Zu den Hochzeiten des Musikfernsehens war die in Hamburg geborene Moderatorin mit Formaten wie „Bravo TV“ und den „VIVA Top 100“ allgegenwärtig. Das Credo: gute Laune jederzeit, quirlig sein, lustig sein. Aber auch nicht zu lustig, wie sie „DWDL“ anhand eines Beispiels erzählte, bei dem ihr der Großteil ihrer selbst geschriebenen Texte gestrichen wurde, „weil das zu ironisch sei und wenn Frauen ironisch sein wollen, komme das zickig rüber, hieß es.“

Parallel zu ihrer VIVA-Karriere war sie in Komödien wie „Die Nacht der lebenden Loser“ im Kino zu sehen sowie in TV-Formaten wie „Alarm für Cobra 11“ oder der Comedyserie „Dr. Molly & Karl“. Eine besondere Rolle nahm sie ab 2017 in Ulmens viel beachteter Serie „jerks.“ ein, wo sie eine fiktionalisierte Version ihrer selbst spielte. Einer anderen Zielgruppe ist sie seit 2021 als festes Ensemblemitglied und Schiffsärztin Dr. Jessica Delgado im ZDF-„Traumschiff“ präsent.

Seit Langem schon steht Fernandes aber nicht nur für reine Unterhaltung. Sie nutzt ihre Prominenz für gesellschaftskritische Kolumnen, begann, die Rollenbilder ihrer eigenen Generation zu hinterfragen, und begab sich auf investigative Mission. Fernab vom seichten Entertainment konzipierte sie tiefgründige Dokumentationen und Reportagen für die öffentlich-rechtlichen Sender. Sie beschäftigte sich mit dem Gender-Gap bei der Kindererziehung, analysierte die Alltagsmechanismen des Sexismus und gab Betroffenen eine Plattform.

Petitionen, Dokus und die eigene Geschichte

Auch sich selbst: Praktisch seit Beginn ihrer Karriere gab es manipulierte, sexualisierte Bilder der Moderatorin. Bereits 2023 forderte Fernandes gemeinsam mit der Organisation HateAid schärfere Gesetze und übergab eine Petition mit fast 77.000 Unterschriften an die Politik. In der ZDF-Doku „Die Spur“ zu Deepfake-Pornos 2024 beschreibt sie die Belastung: „Allein zu wissen, was da passiert, das war so mit einem gewissen Ekel verbunden, weil die eigene Sexualität so entfremdet wird. Da passieren Dinge, die man definitiv nicht machen würde […] Es hat mit Scham zu tun, es hat mit Unfreiwilligkeit zu tun, man wird zum Objekt.“

Das Thema entwickelte sich für sie zu einem konsequent geführten politischen Kampf. Während ihre Dokumentationen und öffentlichen Auftritte die durch den technischen Fortschritt immer größer werdende Problematik noch mit journalistischen Mitteln beleuchteten, verlieh die spätere Offenlegung ihrer eigenen Geschichte ihrem Engagement eine völlig neue Dimension: Die Offenlegung ihrer Vorwürfe einer „virtuellen Vergewaltigung“ und der „Spiegel“-Bericht katapultierten das Phänomen der digitalen sexualisierten Gewalt mit einer Wucht in den gesellschaftlichen Diskurs, die ihre früheren Recherchen nie erreichen konnten. Aus der Schauspielerin und Moderatorin wurde eine zentrale Figur der bundesweiten Debatte.

Doch Fernandes‘ Kampf ist noch lange nicht beendet. Die Folgen ihrer öffentlichen Auseinandersetzung reichen weit über die politische Debatte hinaus und betreffen auch ihr privates Leben.

Am 26. September wird Collien Fernandes 45 Jahre alt. Hinter ihr liegen Monate, die wohl zu den schwierigsten ihres bisherigen Lebens zählen.

(mia/spot)

Bild: Collien Fernandes wird 45 Jahre alt. / Quelle: ddp/Geisler/Christopher Adolph

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