Kostja Ullmann (42) gehört seit Jahren zu den gefragtesten Schauspielern Deutschlands. Dabei hätte er beruflich auch einen ganz anderen Weg einschlagen können. „Mein Plan B war tatsächlich immer, eine Ausbildung zum Erzieher zu machen“, erzählt er beim Besuch eines von der Aktion Mensch geförderten Jugendcafés, in dem junge Menschen mit und ohne Behinderung gemeinsam kreativ werden und Inklusion leben. „Vielleicht ist das auch ein Grund, warum ich mich an einem Ort wie diesem sehr wohlfühle und solche Projekte gerne unterstütze.“
Vor Ort wird Ullmann selbst aktiv und baut gemeinsam mit den Jugendlichen aus Sperrmüll neue Möbel. Dabei werden Erinnerungen an seine erste eigene Wohnung wach: „Da ging es weniger um ein durchdachtes Einrichtungskonzept und mehr darum, was man hatte, was man sich leisten konnte und was irgendwie zusammenpasste“, erinnert sich der 42-Jährige lachend. Im Interview spricht der Schauspieler über sein handwerkliches Geschick und die Herausforderungen des Erwachsenwerdens – und darüber, welche Rolle der Gedanke ans Vaterwerden in seinem eigenen Leben spielt.
Wie würden Sie Ihre handwerklichen Fähigkeiten einschätzen: Machen Sie vieles gerne selbst oder überlassen Sie das lieber den Profis?
Kostja Ullmann: Irgendwo dazwischen. Ich bin nicht komplett ungeschickt und probiere Dinge auch gerne aus. Aber ich kenne meine Grenzen. Wenn am Ende Wasser oder Strom im Spiel ist, finde ich Profis plötzlich ziemlich sympathisch.
Sie haben heute im Upcycling-Workshop des Jugendcafés selbst mit angepackt. Was haben Sie dabei gelernt oder vielleicht sogar neu für sich entdeckt?
Ullmann: Ich habe vor allem gelernt, dass man aus Dingen, bei denen man vielleicht erst einmal denkt, die haben ausgedient, mit ein bisschen Kreativität und handwerklichem Geschick wieder etwas richtig Schönes machen kann. Und ich fand es spannend zu sehen, wie viel man sich auch einfach trauen muss. Nicht ewig überlegen, sondern anfangen, ausprobieren und schauen, was daraus entsteht.
Wenn Sie an Ihre erste eigene Wohnung zurückdenken: Welche Rolle spielten damals gebrauchte oder selbst gebaute Möbel?
Ullmann: Meine erste eigene Wohnung hatte ich relativ früh und die war natürlich ganz anders eingerichtet als heute. Da ging es weniger um ein durchdachtes Einrichtungskonzept und mehr darum, was man hatte, was man sich leisten konnte und was irgendwie zusammenpasste. Da waren natürlich auch Möbel dabei, die schon vorher irgendwo standen oder die man übernommen hat. Aber dass ich damals groß Möbel aufgearbeitet hätte, wäre gelogen. Einzig eine Bar habe ich versucht selbst zu bauen. Sie hielt aber nicht besonders lange.“
Was hat Sie an dem Projekt im Jugendcafé besonders interessiert? Gab es Begegnungen oder Momente, die Ihren Blick auf Inklusion verändert oder geschärft haben?
Ullmann: Ich hatte vorher gedacht, heute geht es vor allem ums Möbelbauen. Aber eigentlich geht es hier um viel mehr. Um Gemeinschaft, ein Miteinander, Zusammenhalt und darum, einen Ort zu schaffen, an dem Jugendliche sich ausprobieren können und ernst genommen werden. Und genau das finde ich an solchen Projekten wichtig. Inklusion bedeutet für mich eben nicht nur, dass alle theoretisch dabei sein dürfen. Es geht darum, Räume zu schaffen, in denen Menschen tatsächlich mitmachen, mitentscheiden und ihre eigenen Fähigkeiten entdecken können.
Was nehmen Sie persönlich aus solchen Begegnungen mit? Und was können wir als Gesellschaft aus Projekten wie diesem lernen?
Ullmann: Ich nehme vor allem dieses Gefühl von Gemeinschaft mit. Zu sehen, wie alle gemeinsam anpacken, um etwas Neues entstehen zu lassen, ist etwas Besonderes. Und es zeigt auch, dass es manchmal einfach jemanden braucht, der das Potenzial in etwas sieht. Das gilt für Dinge genauso wie für Menschen. Ich glaube, wir sollten als Gesellschaft manchmal ein bisschen genauer hinschauen und weniger schnell urteilen. Nicht jeder Mensch startet mit den gleichen Voraussetzungen. Umso wichtiger sind Orte, an denen Unterstützung selbstverständlich ist und an denen junge Menschen merken: Ich kann etwas, ich werde gebraucht und ich kann selbst etwas bewirken.
Das von der Aktion Mensch geförderte Jugendcafé unterstützt junge Menschen auch bei Bewerbungen, Behördengängen, Schule und Alltagsfragen. Erinnern Sie sich an eine Phase, in der Sie selbst Hilfe beim Erwachsenwerden gebraucht haben?
Ullmann: Natürlich. Ich glaube, niemand schafft das Erwachsenwerden wirklich allein, auch wenn man in dem Alter manchmal gerne glaubt, man müsste es können. Bei mir waren es meine Familie, Freunde und später auch Menschen in meinem beruflichen Umfeld, die mir geholfen haben. Gerade wenn man jung ist, kann ein einziger Mensch, der einem zuhört, einen ernst nimmt oder einem im richtigen Moment etwas zutraut, einen großen Unterschied machen. Deshalb finde ich solche Anlaufstellen so wichtig.
Sie standen bereits mit elf Jahren auf der Bühne. War Ihnen damals schon klar, dass Sie einmal Schauspieler werden wollen?
Ullmann: Ich wusste mit elf natürlich noch nicht, wie mein Leben später genau aussehen würde. Aber ich habe sehr früh gemerkt, wie viel Freude mir das Spielen macht. Ich wollte unbedingt weitermachen. Dass daraus tatsächlich einmal mein Beruf und mein Leben werden würde, konnte ich damals natürlich noch nicht absehen.
Hatten Sie damals einen Plan B – oder gab es für Sie nur die Schauspielerei?
Ullmann: Mein Plan B war tatsächlich immer, eine Ausbildung zum Erzieher zu machen. Ich konnte mir sehr gut vorstellen, mit Kindern oder Jugendlichen zu arbeiten. Gleichzeitig wollte ich die Schauspielerei unbedingt versuchen und habe mich deshalb erst einmal komplett darauf konzentriert. Aber die Arbeit mit jungen Menschen wäre definitiv etwas gewesen, was mich interessiert und mir Freude gemacht hätte. Vielleicht ist das auch ein Grund, warum ich mich an einem Ort wie diesem Jugendcafé sehr wohlfühle und solche Projekte gerne unterstütze.
Was würden Sie Ihrem jüngeren Ich heute gerne sagen?
Ullmann: Mach dir ein bisschen weniger Gedanken darüber, ob alles genauso funktioniert, wie du es dir gerade vorstellst. Vieles kommt sowieso anders. Vertrau dir selbst, bleib neugierig und hab keine Angst davor, Fehler zu machen. Die gehören meistens zu den Dingen, aus denen man am meisten lernt.
Was raten Sie jungen Menschen, die gerade das Gefühl haben, alles allein schaffen zu müssen?
Ullmann: Dass sie genau das nicht müssen. Sich Hilfe zu holen, bedeutet nicht, dass man etwas nicht kann. Im Gegenteil: Zu wissen, wann man Unterstützung braucht, gehört für mich zum Erwachsenwerden dazu. Und manchmal braucht man eben jemanden, der das Potenzial in einem erkennt, bevor man es selbst sehen kann. Deshalb sind Orte wie dieses Jugendcafé so wichtig.
Wenn man sie mit den Jugendlichen erlebt: Kommt Ihnen bei solchen Begegnungen manchmal auch der Gedanke an eigene Kinder?
Ullmann: Natürlich kommt einem dieser Gedanke manchmal. Gerade wenn man Zeit mit jungen Menschen verbringt und merkt, wie viel Energie, Neugier und manchmal auch Chaos da zusammenkommen. Ob und wann das für mich selbst einmal Thema wird, ist aber etwas sehr Persönliches. Grundsätzlich finde ich es schön, jungen Menschen etwas mitzugeben, und gleichzeitig merkt man bei solchen Begegnungen auch, wie viel man selbst von ihnen mitnehmen kann.
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Bild: Kostja Ullmann engagiert sich bei einem Upcycling-Workshop für junge Menschen mit und ohne Behinderung. / Quelle: Justaddsugar GmbH / Paul Herbig


