Sein Name war jahrzehntelang Programm: Potofski. Das klang nach aufrichtigem Ruhrpott, nach Herz auf der Zunge und einem Bergwerk an Gefühlen. Dann starb Ulli Potofski (1952-2025) vor einem Jahr. Und nicht nur die Medienwelt war ein ganzes Stück ärmer. Der Blick zurück beleuchtet den eloquenten Unterhalter, den Starmoderatorin Esther Sedlaczek (40) als „wichtigsten Mann in meiner Karriere“ bezeichnet. Der Rückblick gilt dem feinfühligen Adoptivvater, Kinderbuchautor, ehemaligen Puppenspieler und Schlagersänger. Und er erinnert an den mutigen Mann, der Lady Di beinahe zum Tanz aufforderte und sich zwischen zwei Podcasts auf seine letzte Reise machte.
„Herz Seele Ball“ bis zum Schluss
Es ist typisch Potofski: Noch kurz vor seinem Tod bestreitet er vom Krankenbett aus Folge 2174 seines täglichen Podcasts „Herz Seele Ball“. Es geht nicht um ihn, seine Leukämie-Erkrankung oder das mögliche Lebensende. Mit zartem Bartflaum im Gesicht und etwas dünnerer Stimme als gewöhnlich spricht das selbsternannte „kranke Huhn“ über den nahenden Zweitliga-Saisonauftakt seines Herzensvereins Schalke 04. Dessen triumphale Saison erlebt er nicht mehr mit.
Gänsehaut kommt auf, als er den Angehörigen der kurz zuvor tödlich verunglückten Laura Dahlmeier (1993-2025) kondoliert. Er philosophiert darüber, warum Menschen sich auf solch gefährliche Bergwanderungen begeben: „Ich glaube, es ist die unendliche Sicht auf die Dinge von da oben.“ Kurz darauf stirbt er trotz der Schwere seiner Erkrankung für viele überraschend. Potofski soll bis zum Tod auf eine Knochenmarksspende gehofft haben, so der „Spiegel“.
Erzählerisches Talent des Puppenspielers
Ulrich Potofski wächst ab 1952 in einer waschechten Bergarbeiterfamilie in Gelsenkirchen auf. Das bleibt lebenslang seine Perspektive aufs Leben. Mit leichtem Ruhrpott-Einschlag spricht er denjenigen aus der Seele, denen manchmal nur ein Fußballspiel oder eine Unterhaltungssendung als Ablenkung vom Alltag bleibt. Nach seinem Realschulabschluss bringt er 1969 unter dem Pseudonym „Ulli Mario“ die Schlager-Single „Ich kann an keinem Girl vorübergeh’n“ auf den Markt.
Überhaupt ist Unterhaltung sein Metier. Er verdient sich nicht nur als DJ Geld dazu, sondern auch als Puppenspieler. Sein erzählerisches Talent soll ihm später auch als Radio- und TV-Moderator und als Kinderbuchautor noch wertvolle Dienste erweisen. Hauptfigur seiner Bücher ist „Locke“, ein kleiner Nachwuchsfußballer aus dem Ruhrgebiet.
Lange „Let’s Dance“-Reise gegen Llambis Willen
1979 erfüllt sich Schalke-Fan Potofski seinen größten Traum: Er wird Sportreporter beim WDR. „Wir schalten zu Ulli Potofski…“ heißt es acht Jahre lang in der legendären ARD-Bundesligakonferenz am Samstagnachmittag. Als RTL plus 1984 mit „Anpfiff“ in die Bundesliga-Berichterstattung einsteigt, ist Potofski als RTL-Sportchef ganz vorne mit dabei. In den 90er-Jahren kommt er auch im RTL-Unterhaltungsfernsehen gut an. Er moderiert zahlreiche TV-Formate wie „Ein Tag wie kein anderer“ oder „Domino Day.“
2016 wechselt er kurzzeitig die Seiten. Als Kandidat und an der Seite von Profi-Tänzerin Kathrin Menzinger (37) begibt er sich aufs glatte Tanzparkett der neunten Staffel von „Let’s Dance“. Potofski wirkt etwas unbeholfen und scheidet nach der ersten Show aus. Als Nachrücker für eine verletzte Konkurrentin gibt er nie auf, gewinnt die Herzen der Fans und tanzt sich schließlich bis Show neun – trotz der Dauer-Kritik durch Tanzjuror Joachim Llambi (62).
Tanz-Wette um Lady Di
Jahrzehnte zuvor ist Potofski noch gelenkiger und zu allem bereit. Er kommentiert das Tennis-Turnier in Wimbledon. Dort verfolgt er hautnah mit, wie Boris Becker (58) und Steffi Graf (57) wegen des englischen Dauerregens und der Umstellung des Spielplans am selben Tag das Turnier gewinnen. Beim Gala-Dinner am Abend wittert er seine große Chance, das Turnier für sich zu krönen.
Die Party ist nicht mehr ganz jung, als der Gelsenkirchener Junge mit Kollegen eine Wette eingeht: „Wetten, dass ich mutig genug bin, die anwesende Lady Diana zum Tanzen aufzufordern.“ Wild entschlossen steht Potofski auf und bewegt sich auf die sagenumwobene Kronprinzessin des Vereinigten Königreichs zu. Ehe er sie zum Tanz bitten kann, ist er von drei königlichen Sicherheitsbeamten umringt. Dem Tanz mit Diana geht er im letzten Moment lieber aus dem Weg. Er verliert die Wette und ist um eine einzigartige Anekdote reicher.
„Ich vermisse dich, mein Fernseh-Papa“
Kein Zweifel: Ulli Potofski ist Zeit seines Lebens ein Familienmensch. Mit seiner ersten Frau zieht er zwei Adoptivkinder groß, beide heute im Erwachsenenalter. Seine Partnerin Nadja steht ihm in den zehn Jahren bis zu seinem Tod stets zur Seite, wie er noch am 6. Juli 2025 auf Instagram postet.
Seine zweite Familie ist das „Who is Who“ der deutschen Sportberichterstattung. Fußball-Kommentator Markus Höhner (61) bezeichnet sich in einer Grußbotschaft kurz vor Potofskis Tod als „Ullis Kommentatoren-Ziehkind“. Eine besondere Beziehung besteht zwischen Potofski und ARD-Moderatorin Esther Sedlaczek. Mit ihr moderiert er ab 2011 bei Sky die samstägliche Bundesliga-Vorschau „Mein Stadion“. Potofski wird zum „wichtigsten Mann“ ihrer Karriere. Während der Beerdigungsfeier in der Schalker Arena wendet sie sich ein letztes Mal an ihren Mentor: „Du wirst immer einen besonderen Platz in meinem Herzen haben. Ich vermisse dich, mein Fernseh-Papa.“
„Wir hören seine Stimme“
Potofskis dritte und lebenslange Familie ist der FC Schalke 04, der Gelsenkirchener Verein seiner Heimatstadt. Für ihn schlägt von Geburt an sein Herz. Dessen ehemaliger Aufsichtsratsvorsitzender Clemens Tönnies (70) würdigt ihn am Ende als „guten Freund“: „Ullis Körper hat uns verlassen, aber wir hören seine Stimme.“
Die Zweitliga-Saison, vor deren Beginn Potofski stirbt, schließt sein Herzensclub mit dem Aufstieg in die erste Bundesliga ab. Endlich wieder königsblaue Trikots in Erstliga-Stadien – und Potofski kann es nicht mehr miterleben. Oder doch? Der Kult-Moderator ist in Sichtweite des Schalker Stadions in einer weiß-blauen Urne auf dem Schalker Fan-Feld beigesetzt. Vielleicht hat er den Aufstieg seiner Schalker gesehen. Nur eben von dort, wohin ihn keine Kamera mehr begleiten kann.
(jök/spot)
Bild: Unvergessene Stimme aus dem Ruhrpott: Ulli Potofski. / Quelle: Action Press, Carstensen, Jörg



