Zum zehnten Todestag von Götz George: Der unvergessliche Schimanski

Zum zehnten Todestag von Götz George: Der unvergessliche Schimanski

Horst Schimanski, der Kultkommissar. Der raubeinige Ruhrgebietler. Der körperliche, lautstarke Typ in der Feldjacke. Jeder kennt den legendären „Tatort“-Ermittler – und den Mann, der ihn prägte: Götz George. Doch der Schauspieler war viel mehr als nur der ewige Schimanski. Am 19. Juni jährt sich sein Todestag zum zehnten Mal.

Krimis, Komödien und Tragödien

Es wäre ein Leichtes, einzig auf Georges Schimanski-Rolle zurückzublicken. Am 28. Juni 1981 verkörperte er den Kommissar im „Tatort: Duisburg-Ruhrort“ das erste Mal, 2013 das letzte Mal. Während dieser Zeit avancierte er mit seiner Rolle zum absoluten Kult – auch wenn er am Anfang umstritten war. Immerhin kam der rabiate und als „Prügel-Kommissar“ verschriene Schimanski selten ohne zu fluchen aus. Dennoch schafften es sogar zwei seiner Schimanski-Geschichten ins Kino, später bekam der Ermittler auch eine eigene Serie. „Er hat mich begleitet und mir sehr viel Glück gebracht“, resümierte der Schauspieler einmal selbst.

Doch Götz George war mehr als nur Schimanski. Am 23. Juli 1938 in Berlin in eine Schauspielfamilie hineingeboren, stand er mit zwölf Jahren das erste Mal auf der Bühne. Sein Filmdebüt gab er 1953 an der Seite der jungen Romy Schneider, 1959 folgte als Boxer in „Jacqueline“ der Durchbruch samt Deutschem Filmpreis. In den 1960er Jahren ritt er für die Karl-May-Filme durch die Berge und wurde zum „Bravo“-Schwarm.

Seine Karriere entwickelte sich anschließend in bemerkenswerter Bandbreite weiter: In der Komödie „Schtonk!“ (1992) gab er den Sensationsreporter Hermann Willié, der den gefälschten Hitler-Tagebüchern aufsitzt – die Satire auf den größten Medienskandal der Nachkriegsgeschichte schaffte es bis zur Oscar-Nominierung. In der Gesellschaftskomödie „Rossini“ (1997) nuschelte er sich, bisweilen kaum verständlich, durch die Eitelkeiten von Presse und Film. Genauso überzeugend war George aber auch im Abgrund. Mehrfach verkörperte er reale Verbrecher und NS-Täter. Seinen größten Wurf landete er als Serienmörder Fritz Haarmann in „Der Totmacher“, der ihm 1995 den Darstellerpreis der Filmfestspiele von Venedig einbrachte. Den NS-Arzt Josef Mengele gab er in „Nichts als die Wahrheit“ (1999), einen KZ-Lagerkommandanten bereits 1977 in „Aus einem deutschen Leben“. Komödie, Tragödie, Thriller: George adelte sie alle.

Keine Lust, ein Star zu sein

Götz George liebte die Schauspielerei, deutlich weniger Freude hatte er hingegen an der öffentlichen Neugier auf sein Privatleben. Von 1966 bis 1976 war er mit seiner österreichischen Schauspielkollegin Loni von Friedl (82) verheiratet, aus der Ehe stammt Tochter Tanja. Ab 1997 lebte George mit der Journalistin Marika Ullrich zusammen. „Ich wollte immer, immer, immer über meinen Beruf bewertet werden und nicht über Privatismen“, sagte er einst. Auch mit dem Etikett des Stars haderte er: Er sei ein deutscher Schauspieler, „der, und das wollen wir hier gleich mal von vornherein klarstellen, kein Star ist“ – wegen ihm allein gehe schließlich niemand ins Kino.

Wie ernst es ihm mit der Bedeutung seiner Filme und deren kulturellem Anspruch war, bekam Thomas Gottschalk (76) zu spüren. Im Oktober 1998 saß George bei „Wetten, dass..?“ auf dem Sofa, um seinen Film „Solo für Klarinette“ zu bewerben. Als Gottschalk von diesem Zweck abschweifte, blätterte er gelangweilt in einem Magazin und kanzelte den „Oberlehrer“ ab: „Komm auf den Film zu sprechen. Der ist mir wichtiger als das, was du redest.“ Es hagelte Buhrufe; Monate später entschuldigte sich George. Gottschalk lud ihn 2003 trotzdem wieder ein – diesmal zu einem inszenierten Streit.

In der Dokumentation „Der will doch nur spielen!“ betonte George 2013, dass für ihn eben immer nur das Spielen zählte. „Ich lasse nichts an mich ran. Ich lasse den Neid nicht an mich ran, ich lasse den Erfolg nicht richtig an mich ran. Ich will arbeiten und konzentriere mich auf die nächste Arbeit“, erklärte er über den Druck auf seine Person.

Der coolste Typ im Fernsehen

Was Götz George auszeichnete, zeigte sich vor allem in seiner Arbeit vor der Kamera. Es war zunächst seine physische Präsenz – Stunts übernahm er selbstverständlich selbst -, dazu kamen Stimme, Statur und eine unverwechselbare Ausstrahlung. Hinzu trat das familiäre Erbe: Sein Vater Heinrich George, gefeierter Schauspieler, hatte sich von den Nationalsozialisten einspannen lassen und starb 1946 in sowjetischer Lagerhaft. Seinen Vornamen verdankte der Sohn dessen Lieblingsrolle, dem heldenhaften Ritter „Götz von Berlichingen“. Aus diesem Schatten fand George nie ganz heraus – und stellte sich ihm doch, als er 2012 im Film „George“ den eigenen Vater spielte.

Und da war sein Eigensinn, seine teils als Respektlosigkeit wahrgenommene Haltung gegenüber anderen Größen. Auch Rainer Werner Fassbinder soll er diese Seite gezeigt haben, als er ihm Drehbücher mit deutlichen Worten zurückgab. Mit dem „Tatort“ ging George einen anderen Weg als viele seiner Vorgänger im öffentlich-rechtlichen Fernsehen und erreichte damit später Kultstatus.

Für sein Lebenswerk wurde Götz George 2007 mit dem Deutschen Fernsehpreis geehrt, 2014 mit dem Großen Verdienstkreuz. Am 19. Juni 2016 starb er mit 77 Jahren nach kurzer Krankheit in Hamburg. „Irgendwann kommt der große Meister und nimmt einen weg von der Bildfläche“, hatte er in der Doku drei Jahre vor seinem Tod mit Blick auf die Zukunft gesagt. „Man sagt Tschüss und tritt mit Grandezza ab.“

(eyn/spot)

Bild: Götz George starb am 19. Juni 2016 mit 77 Jahren. / Quelle: IMAGO/Funke Foto Services

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