Was soll man machen, wenn einem das Leben so richtig mies mitspielt? Zum Beispiel, wenn der Regen fällt und man deswegen am liebsten in Tränen ausbrechen möchte? Die Antwort klingt völlig bescheuert, doch es funktioniert: Dam-dam, dam-dam!
Seit über 60 Jahren lieben die Deutschen diese Zauberformel, die sich jedes Kind merken kann. Kann ich einmal nicht bei dir sein? Dam-dam, dam-dam! Vier dadaistische Silben heilen die arme bedrängte Seele, und alles wird gut. Denk daran, du bist nicht allein. Dam-dam, dam-dam!
Todestag jährt sich zum 20. Mal
Jeder kennt den Song, jeder kann mitsingen, wenn es heißt: „Marmor, Stein und Eisen bricht“. Drafi Deutscher (1946-2006) hat 1965 der Nation ein neues Volkslied geschenkt, das auch alle Generationen danach dankbar angenommen haben. Es machte ihn unsterblich, zumindest was das „Dam-dam“ betrifft. Gestorben ist er bereits 2006, aber nicht sein Lied, das heute noch auf Partys, Betriebs- und Weihnachtsfeiern bei steigendem Alkoholpegel so gern mitgegrölt wird.
Am 9. Juni jährt sich Drafi Deutschers Todestag zum 20. Mal, sein „Marmor, Stein und Eisen bricht“ hat alle und alles überlebt. Die Geschichte seines Lebens mutet märchenhaft an, mit ungeahnten Höhepunkten, bitteren Abstürzen und einem bösen Ende. Heute gilt er als die Ikone der deutschen Popkultur.
Er wuchs in armen Verhältnissen auf
Er wurde in eine Berliner Roma-Familie hineingeboren, seinen Vater, von dem er behauptete, er sei ein jüdischer Pianist aus Ungarn und Neffe des bekannten ungarischen Operettenkomponisten Emmerich Kálmán gewesen, hat er nie kennengelernt. Das Kind wuchs in ärmlichsten Verhältnissen bei seiner Großmutter auf, weil die Mutter als Krankenschwester den Lebensunterhalt verdienen musste.
Der junge Drafi fiel durch sein musikalisches Talent auf, mit zwölf brachte er sich das Gitarrenspielen bei, mit 14 hatte er seine ersten Rock’n’Roll-Auftritte. 1964 erschien ein erster Zeitungsartikel über ihn und berichtete über einen neuen Star, der immer noch mit seiner Oma in der Obdachlosensiedlung Lichterfeld Ost wohne, obwohl er doch gerade mit den Singles „Teeny“, „Shu Bi Du Bi Du The Slop“ und „Shake Hands“ weit über 100.000 Schallplatten verkauft habe. Da waren Drafi Deutscher und seine Band Magics mit ihrem deutschsprachigen Beat die Newcomer in der Berliner Rock’n’Roll-Szene.
Er war noch keine 18, als er mit seiner Band im Vorprogramm des seinerzeit großen englischen Stars Cliff Richard (85) auftrat, mehrere Songs in der Hitparade (u.a. „Keep Smiling“ und „Cinderella Baby“) sowie ein erstes Studioalbum hatte und an die 5.000 D-Mark am Abend für sich und seine Jungs bekam.
Mega-Erfolg in den 60er Jahren und ein Skandal
Ein Jahr später, 1965, kommt mit „Marmor, Stein und Eisen bricht“ der Mega-Erfolg. Er bringt seinem Sänger nicht nur Wohlstand, sondern auch eine ungeahnte Popularität. Er ist nun wirklich on top, mit 19. Es folgt das Album „Drafi“ und weitere Hits wie „Nimm mich so wie ich bin“, „Honey Bee“ und „Die goldene Zeit“ (mit Kollegin Manuela). Die Jugendzeitschrift „Bravo“ kürt ihn zum beliebtesten Star.
Und Drafi lässt es krachen. Neue Wohnung im Berliner Hansa-Viertel, er ist jetzt verheiratet und Vater von Zwillingssöhnen, was ihn nicht daran hindert, exzessive Partys zu feiern. Bei einem dieser Gelage geht er betrunken auf den Balkon seiner neuen Wohnung und uriniert auf die Straße, wobei er unten von einer Gruppe Schulmädchen beobachtet wird. Die Polizei wird eingeschaltet, die Boulevardpresse hat ihre Schlagzeilen. Und die sind nicht gut für ihn.
Auf einmal ist der große Drafi Deutscher ein Sittenstrolch, er wird wegen „Erregung öffentlichen Ärgernisses“ zu einer Haftstrafe von neun Monaten auf Bewährung verurteilt. Das ist zu viel für die öffentlich-rechtlichen Rundfunkanstalten, der Bannstrahl von Radio und Fernsehen hält zwei Jahre an, die junge vielversprechende Karriere ist zwar nicht völlig zerstört, aber doch schwer beschädigt. Zudem steht das Finanzamt auf der Matte und will eine Nachzahlung von angeblich fast 200.000 DM, das bringt Drafi finanziell in schwerste Bedrängnis. Er arbeitet nun als Discjockey oder jobbt als Stoffverkäufer auf dem Wochenmarkt.
Weil der Name Drafi Deutscher zeitweise verbrannt ist, wählt er für seine Arbeit als Musiker und Komponist unter fast 40 Pseudonymen. Er wechselt den Wohnort von Berlin nach München, später nach Norddeutschland, Mallorca und schließlich ins unterfränkische Dorf Mömlingen (Landkreis Aschaffenburg).
Drafi Deutscher lässt sich nicht unterkriegen
1969 darf er wieder im Fernsehen auftreten und landet mit seinem Schlager „Don Quichotte“ in der ZDF-Hitparade auf Platz vier. Mit der Gruppe Wir hat er 1973 erneut einen Hitparadenerfolg: „David und Goliath“. Und wieder unterbricht ein Skandal seine Erfolgslinie: Der CDU-nahe Moderator der ZDF-Hitparade, Dieter Thomas Heck, lädt ihn zu Wahlkampf-Galas für die Unterstützung des Unions-Kanzlerkandidaten Rainer Barzel ein. Drafi Deutscher, der Willy Brandt von der SPD verehrt, sagt arglos zu und teilt am Ende der ersten Gala dem CDU-Publikum mit: „So, Leute, ihr wisst Bescheid: Willy wählen!“ Und wieder ist er in der Öffentlichkeit der doofe, ganz und gar unmögliche Drafi…
Doch er lässt sich nicht unterkriegen. Wenn er als Marke niedergemacht wird, dann wählt er eben zur Berufsausübung eines seiner Pseudonyme, wiederum mit Erfolg. Für Boney M. schreibt er „Belfast“, für Bino „Mama Leone“, „Pretty Flamingo“ für Peggy March, „Silver Bird“ für Tina Rainford und den Rummelhit „Be My Boogie Woogie Baby“. Mit „Guardian Angel“ gelingt ihm erneut ein großer Song, die deutsche Fassung „Jenseits von Eden“ singt Nino de Angelo. Als Jack Goldberg hat er den Hit „Can I Reach You“, er reist 1979 in die USA, wirkt u.a. bei der Produktion „Living Eyes“ von den Bee Gees mit.
Gesundheitliche Probleme machen ihm zu schaffen
Zwischendurch wird er geschieden, heiratet seine zweite Frau, auch diese Ehe geht in die Brüche, schließlich lernt er die Schauspielerin und Schlagersängerin Isabel Varell kennen, für die er Songs schreibt. 1989 heiratet er sie, 1991 wird auch diese dritte Ehe geschieden. Ähnlich problematisch ist auch seine On-off-Beziehung zum Geld. Mal ist er Millionär, mal total pleite. Hinzu kommen jetzt große gesundheitliche Probleme.
Nach einer Diabetes-Erkrankung, zwei Schlaganfällen und einem Herzinfarkt stirbt Drafi Deutscher am 9. Juni 2006 in einer Frankfurter Klinik, exakt einen Monat nach seinem 60. Geburtstag. Seine Söhne beerdigten ihren Vater auf dem Parkfriedhof Lichterfelde in seiner Heimatstadt Berlin. Den Grabstein ziert ein typischer Drafi-Schlapphut.
Sein filmreifer Aufstieg und Fall kam bereits zu Lebzeiten in die Kinos, mit der Filmsatire „Marmor, Stein und Eisen bricht“. Drafi spielte den Musiker Drafi Löwenschluck. Bei der Premiere trat er auf, eine Frau schrie begeistert: „Drafi, zeig dein Ding!“ Diesmal lachten alle – und sangen mit Dam-dam!
So entstand sein Kultsong
Die Wahrheit über diesen Song, der zum nationalen Stoßgebet wurde, ist freilich besser als jede Satire: Im Oktober 1965 kam der 19-jährige Drafi Deutscher in den Berliner Meisel Musikverlag. Er summte „dang-dang“ vor sich hin, weil er noch den Anschlag einer E-Gitarre im Ohr hatte. Sein Freund, der Schlagerkomponist Christian Bruhn, sagte: „Das fängt ja gut an. Wie geht’s weiter?“ Darauf Drafi: „Det machst du!“ Bruhn und Deutscher komponierten die Melodie und den Refrain, aus „dang-dang“ wurde „dam-dam“, der Autor Günter Loose schrieb den Songtext.
Loose erinnerte sich an einen alten Poesiealbum-Eintrag „Marmor, Stein und Eisen bricht, aber treue Liebe nicht!“ Ursprünglich stammte dieser Vers aus der Operette „Prinzess Rosine“ von Paul Lincke, da heißt es: „Marmor, Stahl und Eisen…“ Wesentlich älter ist der Vers des Barockdichters Benjamin Neukirch. Er schrieb um 1700: „Marmel/ stahl und eisen bricht/ Aber meine schmertzen nicht.“
In der DDR wurde Drafis Erfolgssong zunächst verboten, der Text sei revanchistisch, die DDR-Bürokraten hatten ihn auf ihre Grenze bezogen. Nach dem Fall der Mauer trat Drafi 1990 im Palast der Republik auf. Auch im Westen gab es ein Verbot. Das hatte mit der Grammatik des Erfolgssongs zu tun, über die bereits Drafis Mutter gemeckert hatte: „Ihr könnt nicht mal Deutsch. Das muss heißen: Marmor, Stein und Eisen brechen.“ Dieser Ansicht war auch der Bayerische Rundfunk, der sich als öffentlich-rechtliche Anstalt in der Erziehungspflicht sah, weil Drafi Deutscher sang: „Marmor, Stein und Eisen bricht…“ und nicht: „Marmor, Stein und Eisen brechen.“ Doch dann funktioniert der Reim nicht, also spielte der Sender den Song nicht.
Vergeblich berief sich Christian Bruhn augenzwinkernd auf den „Singularis materialis“, der in der Poesie durchaus üblich sei: Es heißt ja auch: „Da ist Hopfen und Malz verloren“ und nicht: „Da sind Hopfen und Malz verloren“, wie es grammatikalisch korrekt wäre.
Vielleicht, so ein Vorschlag des „Spiegels“, hätte Drafi Deutscher singen sollen: „Marmor, Stein und Eisen brechen, aber unsere Liebe nechen…“ Dagegen hilft selbst ein „Dam-dam“ nicht.
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Bild: Drafi Deutscher: Sein Todestag jährt sich zum 20. Mal. / Quelle: imago/Eventpress


