René Adlers (41) Leben hat sich viele Jahre zwischen den Pfosten abgespielt. Für Bayer Leverkusen, den Hamburger SV, Mainz 05 und zwölfmal für die deutsche Nationalmannschaft hielt er das Tor sauber. Inzwischen ist der Fußballer als TV-Experte im „ZDF-Morgenmagazin“ und „ZDF-Mittagsmagazin“ zu sehen, wo er auch die Weltmeisterschaft 2026 in den USA, Kanada und Mexiko begleiten wird.
Im Interview mit der Nachrichtenagentur spot on news spricht er über diese Aufgabe und wieso er es nicht „ertragen hätte“, die Chance auf einen Experten-Job zu vergeben. Er gesteht aber auch, wie schwer der Abschied vom Profisport fallen kann, wie er und seine Ehefrau, die „Notruf Hafenkante“-Schauspielerin Lilli Hollunder (40), ihren stressigen Alltag vereinen – und natürlich, wen er bei der WM ganz vorne sieht.
Sie sind seit einigen Jahren nicht mehr im Profifußball aktiv. Fühlt sich Ihr Leben inzwischen wie ein neues Kapitel an oder bleibt man immer Fußballer?
René Adler: Das ist eine gute Frage. Langsam gewöhnt man sich dran. Aber ein paar Muster bekommt man schwer raus. Als Sportler bekommen wir die Sucht nach Selbstbestätigung antrainiert. Da ist man gewohnt: Bist du gut, bist du was wert. Dein Selbstwert ist mehr oder weniger an Leistung gekoppelt. Das muss man irgendwie loswerden und ich glaube, es ist einfach nur gesund, sich davon zu lösen. Man verliert es nie ganz, aber es wird weniger. Das geht bei dem einen schneller, bei dem anderen weniger schnell und da spielt natürlich viel mit rein, ob man in diesem zweiten Lebensabschnitt wieder etwas findet, das einen erfüllt.
Was vermissen Sie aus Ihrer aktiven Zeit?
Adler: Paradoxerweise das, was ich damals gar nicht mehr wollte: Dieser Druck vor den Spielen. Wenn man am Abend vor dem Spiel im Teamhotel noch zusammensitzt, diese Angespanntheit, die sich dann im besten Fall in einem guten Spiel entlädt. Plus das Gefühl nach einem gewonnenen Spiel in der Kabine zu sitzen, diese Erleichterung und Bestätigung, dass du ein Teilziel der Woche erreicht hast und es auf zum nächsten Ziel geht. Diesen Rhythmus vermisse ich schon, ich mag klare Routinen. Wenn man in diesem Business ist, ist alles total fremdbestimmt, alles vorgegeben – das endet dann abrupt, du hast erst mal ein weißes Blatt Papier vor dir und musst alles selber bauen. Und ich vermisse natürlich die Massagen, die Behandlungen und das Gelaber in der Kabine.
Und was vermissen Sie nicht?
Adler: Die ständige Bewertung über die Medien. Ich genieße es total, einfach nicht mehr so im Feuer zu stehen. Damit geht natürlich einher, dass man nicht mehr so präsent ist und nicht mehr im Mittelpunkt steht. Es gibt immer zwei Seiten der Medaille, aber grundsätzlich überwiegt das Gefühl, dass nicht mehr jeder kleine Fehler in den Medien zerrissen wird.
Was reizt Sie an der Arbeit als TV-Experte?
Adler: Grundsätzlich war meine Intention, nach meinem Karriereende erst mal ein bisschen Abstand zu gewinnen. Das ist mir nicht wirklich gelungen, weil die FOMO („Fear of missing out“, zu deutsch „Angst, etwas zu verpassen“, Anm. d. Red.) überhandgenommen hat. (lacht) Ich muss ehrlich sagen, dass ich gute Angebote hatte, diesen neuen Weg im Expertentum zu gehen. Ich hatte dann – auf gut Deutsch gesagt – nicht den Arsch in der Hose zu sagen, ich mache jetzt erst mal ein Jahr gar nichts und dann könnt ihr mich noch mal anfragen, weil dann fairerweise wahrscheinlich andere den Job bekommen hätten. Das auszuhalten, habe ich nicht ertragen. Rückblickend hätte mir Abstand gut getan. So bin ich halt direkt weiter in dieser Branche geblieben, wenn auch in einer anderen Funktion und nicht mehr im Daily Business. Ich habe bewusst in Schnittmengen gedacht: Fußball ist das, womit ich mein ganzes Leben verbracht habe, ich möchte weiter Teil von dem sein, was ich liebe. Ich will aber auch noch andere Themenbereiche sehen – wie kann ich das alles miteinander verknüpfen? Insofern war dieser Perspektivwechsel ein guter Übergang und ich glaube, es ist mir gelungen, mich möglichst breit aufzustellen. Ich mag es, den Leuten die Perspektive eines Fußballprofis respektive eines Managers, der im Fußball denkt und atmet, nahezulegen. Und das dann möglichst verständlich zu erläutern, macht mir viel Spaß.
Die WM wird sehr amerikanisch geprägt. Freuen Sie sich auf dieses Spektakel oder ist Ihnen das zu viel Show?
Adler: Grundsätzlich ist der Sport einfach Showbusiness. Die amerikanische Show drumherum, das finde ich schon gut. Zu begreifen, dass Fußball auch Entertainment ist und wir einfach als Unterhaltung dienen, ist ein interessanter Ansatz. Ich glaube, dass der europäische Fußball, sogar die Bundesliga, da einiges von den Amerikanern lernen kann. Andererseits finde ich es gut, dass es im europäischen Sport um Sieg und Niederlage geht und es nicht wie beispielsweise bei einem NBA-Spiel in der Regular Season vollkommen egal ist, ob du gewinnst oder verlierst. Damit ist dieser Wert des sportlichen Ereignisses nicht mehr gegeben, das finde ich weniger cool. Insofern freue ich mich auf jeden Fall auf die WM – finde ich sie zu groß? Ja, auch, weil es immer auf Kosten der Qualität geht. Aber die FIFA hat das Zepter in der Hand.
Was macht so ein Turnier mit Spielern abseits des Rasens? Das Leben in Hotels ohne die Familien, der Lagerkoller…
Adler: Das ist eine Riesenherausforderung. Gerade wenn du das Ziel hast, ins Finale zu kommen, denn es ist dieses Jahr die längste WM aller Zeiten. Da braucht man wirklich ein funktionierendes Team, muss für Abwechslung sorgen und auch mal die Familien dabei haben. Wenn du vier Kinder hast wie Kapitän Joshua Kimmich, macht es ohne Kinder vielleicht mal zwei Tage Spaß, aber dann vermisst du sie total. Deswegen sind Flexibilität, Erfindungsreichtum und Resilienz für mich die Stichwörter. Wenn es um Klimazonen und die extrem weiten Reisewege mit wenig Schlaf geht, wird Regeneration ein großes Thema sein. Ganz simplifiziert hat die Mannschaft, die am flexibelsten ist, am wenigsten jammert und natürlich die nötige Qualität im Kader hat, große Chancen, das Ding zu gewinnen.
Werden Sie bei der WM vor Ort sein?
Adler: Nein, wir können selbst nicht alle da sein. Nur die Reporter sind vor Ort. Selbst die Experten Chris Kramer und Per Mertesacker, die die Spiele analysieren, werden alles aus dem Hauptstadtstudio in Berlin machen. Da werde ich auch frühmorgens am Start sein.
Was bedeutet so ein Einsatz für die Familie?
Adler: Grundsätzlich ist eine Turnierzeit immer mit sehr viel Planung verbunden. Gerade wenn du Kinder und eine berufstätige Frau hast, verlangt das schon sehr, sehr viel Organisation und Kommunikation ab. Aber das haben wir bisher sehr gut hingekriegt. Dadurch, dass ich von Hamburg nach Berlin pendle und meine Eltern in Leipzig sind, haben wir ein schönes Dreieck. Aber nichtsdestotrotz sind die Kalender schon sehr oft über Kreuz gelegt und man muss viel miteinander sprechen.
Ist es da von Vorteil, dass Ihre Frau solche intensiven Arbeitsphasen durch ihren eigenen Beruf kennt?
Adler: Ja, ohne Frage. Die Flexibilität ist bei uns in der Familie einfach das Schlagwort schlechthin. Meine Frau weiß, wenn sie heute dreht, nicht, wann sie morgen abgeholt wird. Das heißt, wenn bei mir was reinkommt, muss man sich ehrlich in die Augen schauen und sagen: Okay, wie machen wir es jetzt? Gibt es eine Möglichkeit, dass wir es beide machen oder muss einer zurückstecken? Wir haben natürlich auch noch eine Betreuung, anders geht es nicht. Aber auch das muss alles geklärt werden. Es gehört auch dazu, dass man mal etwas absagt. Wenn jeder sein Ego-Ding durchdrückt, funktioniert es nicht. Familie heißt immer auch Kompromisse und Verzicht.
Wir brauchen natürlich noch Ihre Expertenprognose: Wer holt den Titel und wo landet Deutschland?
Adler: Ich glaube, für Deutschland geht es auf jeden Fall ins Viertelfinale und dann ist das Quäntchen Glück gefragt, das ist tagesformabhängig. Wer wird Weltmeister? Ich bin ehrlicherweise noch nicht so tief in der Analyse drin. Die Südamerikaner muss man immer zu den Favoriten zählen, aber ich glaube, dass Frankreich extrem stark ist. Es geht mir schwer über die Lippen, aber ich würde es England mal gönnen. Ich mache jetzt seit sieben Jahren die Premier League und immer wieder haben sie die Hoffnung, eine tolle Mannschaft mit vielen tollen Einzelspielern, aber kriegen es nie gebacken, weil die Spieler schlicht und ergreifend nach einer langen Saison und vielen Wettbewerben oftmals einfach kaputt sind. Es bleibt auf jeden Fall spannend.
(eyn/paf/spot)
Bild: René Adler fungiert bei der WM 2026 wieder als Experte im „ZDF-Morgenmagazin“ und „ZDF-Mittagsmagazin“. / Quelle: ZDF/Torsten Silz.





