Mit Ivo Batic (Miroslav Nemec, 71) und Franz Leitmayr (Udo Wachtveitl, 67) verabschiedet sich an Ostern nicht nur ein besonders langlebiges „Tatort“-Duo, sondern eines, das den Sonntagskrimi über Jahrzehnte in ganz unterschiedlichen Tonlagen geprägt hat. Ihr erster gemeinsamer Fall „Animals“ lief am 1. Januar 1991, das Finale folgt 2026 mit der Doppelfolge „Unvergänglich“ am 5. und 6. April.
Dazwischen liegen 35 Jahre, in denen sich an diesem Team ziemlich gut ablesen lässt, wie wandlungsfähig der „Tatort“ und insbesondere die Münchner Fälle sein können: mal klassischer Krimi, mal Milieustudie, mal besonders finster, mal mit viel Lokalkolorit, mal überraschend leise. Zum Abschied lohnt deshalb ein Blick auf prägendsten Folgen dieser langen und ganz besonderen „Tatort“-Ära.
Der Anfang: „Animals“ (1. Januar 1991)
Am Anfang steht natürlich „Animals“. Schon der erste gemeinsame Fall gibt eine Ahnung davon, was dieses Duo später auszeichnen sollte. Auslöser der Ermittlungen ist der Tod einer Tierschützerin, die am Ufer der Isar liegt und zuvor Vorwürfe gegen eine Kosmetikfirma mit angeblich illegalen Tierversuchen erhoben hatte. Aus diesem Fall entwickelt sich ein Geflecht aus Geschäftsinteressen, Erpressung und persönlichen Verstrickungen. Rückblickend wirkt „Animals“ wie der Startschuss für eine sehr eigene Münchner Mischung aus Erdung, Reibung und ruhiger Beharrlichkeit.
Der künstlerische Höhepunkt: „Im freien Fall“ (11. November 2001)
Wenn ein Fall sinnbildlich für den künstlerischen Anspruch des Münchner „Tatort“ steht, dann wohl „Im freien Fall“. Ausgangspunkt ist der tödliche Sturz des Kunstsachverständigen Dr. Olav Schmidt vom Dach eines Münchner Wohnhauses. Batic und Leitmayr müssen klären, ob es sich um Selbstmord oder Mord handelt, während Leitmayr bei den Ermittlungen selbst in Gefahr gerät und sich in die Künstlerin Anne Mars verliebt. Die Folge wurde mit fünf Grimme-Preisen ausgezeichnet und ragt damit bis heute aus der langen Reihe der München-Folgen heraus.
Der Fall, der besonders nachhallt: „Nie wieder frei sein“ (19. Dezember 2010)
Zu den Folgen, die beim Rückblick fast zwangsläufig auftauchen, gehört auch „Nie wieder frei sein“. Im Zentrum steht das Verschwinden der jungen Melanie, deren verwüstete Wohnung auf ein Verbrechen hindeutet. Für die Ermittler beginnt ein Wettlauf gegen die Zeit, der sie immer näher an die Frage führt, wie weit ein Rechtsstaat gehen darf, wenn die Uhr gegen ihn läuft. Gerade in solchen Momenten zeigte sich, dass der Münchner „Tatort“ dann besonders stark war, wenn er die Figuren nicht bloß durch einen Fall schickte, sondern moralisch und emotional an Grenzen brachte.
Der Fall fürs Münchner Selbstverständnis: „Die letzte Wiesn“ (20. September 2015)
Es gibt aber auch Folgen, die weniger über Preise als über Atmosphäre in Erinnerung bleiben. „Die letzte Wiesn“ ist so ein Fall. Ausgangspunkt sind Drogentote auf dem Münchner Oktoberfest, die Batic und Leitmayr ins überfüllte Amperbräuzelt führen. Dort häufen sich die Vergiftungsfälle, während die Kommissare im Gedränge des größten Volksfests der Welt einem Täter auf die Spur kommen wollen. Die Folge bündelt vieles, was den Münchner „Tatort“ immer wieder ausgemacht hat: die starke Verankerung in der Stadt, den Blick auf ein sehr spezifisches Milieu und das Gefühl, dass München hier nie bloß Kulisse, sondern fast immer eine eigene Figur ist. Bei der Erstausstrahlung sahen 10,6 Millionen Menschen zu.
Der Übergang in die Zukunft: „Am Ende des Flurs“ (4. Mai 2014)
Mit etwas Abstand bekommt auch „Am Ende des Flurs“ besonderes Gewicht. Der Fall beginnt mit dem Tod der jungen Lisa Brenner, die mit einem Champagnerglas in der Hand aus dem zwölften Stock eines Hochhauses gestürzt ist. Die wortkarge, düstere Ausgangslage macht die Folge schon für sich genommen erinnerungswürdig. Hinzu kommt, dass hier Kalli Hammermann (Ferdinand Hofer, 32) zum ersten Mal auftritt. Gerade deshalb wirkt sein Debüt heute fast wie ein früher Hinweis darauf, dass auch diese lange Ära irgendwann einmal in eine neue Phase übergehen würde.
Die Klammer zum Schluss: „Unvergänglich“ (5. und 6. April 2026)
Und dann ist da natürlich „Unvergänglich“, die Doppelfolge zum Abschied. In Teil 1 stoßen Batic und Leitmayr kurz vor dem Ruhestand auf eine verbrannte Frauenleiche und auf die Spur eines Täters, der in Privatwohnungen eindringt. In Teil 2 scheint der Fall zunächst abgeschlossen, bis sich die Hauptzeugin meldet und andeutet, dass alles ganz anders gewesen sein könnte. Damit wird aus dem letzten Einsatz nicht nur ein Krimi, sondern auch ein Abschiedsfilm über offene Fragen, Pflichtgefühl und die Verbindung zweier Figuren, die den Münchner „Tatort“ über Jahrzehnte getragen haben.
(dr/spot)
Bild: Batic (Miroslav Nemec, li.) und Leitmayr (Udo Wachtveitl) in ihrem ersten „Tatort: Animals“ im Jahr 1991. / Quelle: BR/Bavaria Film/T. Klausmann




