ZDF-Moderator Mitri Sirin: Was Fußball gegen Mobbing leisten kann

ZDF-Moderator Mitri Sirin: Was Fußball gegen Mobbing leisten kann

Als Moderator der „heute“-Nachrichten und des „ZDF-Morgenmagazins“ gehört Mitri Sirin (54) seit Jahren zur ersten Reihe des deutschen Nachrichtenfernsehens. Neben seiner TV-Arbeit nutzt Sirin seine Bekanntheit auch für soziales Engagement. Aktuell unterstützt er den Aktionsmonat „März gegen Mobbing“, den die Aktion Mensch mit Unterstützung der DFL Stiftung und des Vereins Lernort Stadion initiiert hat.

Der ZDF-Moderator mit türkisch-syrischen Wurzeln wuchs im Münsterland auf und wurde schon früh selbst mit Ausgrenzung konfrontiert. Im Interview spricht er über seine eigenen Erfahrungen, sein Engagement für einen diskriminierungsfreien Umgang unter Jugendlichen – unter anderem mit Aktionen und Workshops in Fußballstadien – und über die besondere Verantwortung, in der er sich als Journalist sieht.

Herr Sirin, wie häufig sind Sie in Ihrer Karriere persönlich mit Mobbing oder Ausgrenzung konfrontiert worden?

Mitri Sirin: Gerade in jungen Jahren war das schon ein Thema, das mich begleitet hat. Weniger Mobbing, eher Ausgrenzung, wobei die Übergänge ja fließend sind.

Spielte die Herkunft Ihrer Eltern dabei eine Rolle?

Sirin: Definitiv, ja. Anders als heute war man Mitte der 1970er Jahre mit Zuwanderungsgeschichte in der Schulklasse eine Ausnahme. In der Grundschule waren ein russlanddeutscher Mitschüler und ich die einzigen Kinder, die nicht aus einem deutschen Elternhaus stammten – und das bekamen wir in den Pausen regelmäßig zu spüren. Gott sei Dank konnte ich schnell rennen und gut kicken. Dadurch wurde ich im Sportunterricht und auf dem Pausenhof schnell in die Teams gewählt. Das hat mich sicher vor schlimmeren Mobbingerfahrungen bewahrt.

Unter dem von der Aktion Mensch ausgerufenen Motto „März gegen Mobbing“ setzen Sie sich aktuell für einen diskriminierungsfreien Umgang unter Jugendlichen ein. Wie genau sieht hier Ihr Engagement aus?

Sirin: Ich begleite den Aktionsmonat als Botschafter, besuche ausgewählte Veranstaltungen und Workshops in den Stadien und komme dort mit Jugendlichen ins Gespräch. Mir ist es wichtig, zuzuhören, eigene Erfahrungen zu teilen und die Bedeutung von Respekt und Fairness zu vermitteln. Gemeinsam mit dem Lernort Stadion e.V., der Aktion Mensch und der DFL Stiftung wollen wir Jugendlichen Räume bieten, in denen sie offen über Diskriminierung, Ausgrenzung und digitale Gewalt sprechen können. Dazu gehört auch, ihnen konkrete Werkzeuge an die Hand zu geben, die sie ermutigen und befähigen, gesellschaftliche Räume aktiv mitzugestalten.

25 Lernzentren des bundesweiten Netzwerks von Lernort Stadion bieten in Fußballstadien von Vereinen der Bundesliga, 2. Bundesliga und 3. Liga Aktionen, Workshops und Events. Wie kann Fußball in der Arbeit mit Jugendlichen helfen?

Sirin: Die Erfahrungen, die ich in den letzten Jahren mit dem hoch engagierten Team vom Lernort Stadion e.V. machen durfte, bestätigen absolut, dass Fußball, Stadien und Fankultur so dermaßen magnetisch und elektrisierend auf junge Menschen wirken, dass man fast schon gar nicht nachvollziehen kann, warum man gesamtgesellschaftlich nicht schon längst diesen Weg eingeschlagen hat.

Macht das Fußballstadion die Jugendlichen offener als ein Klassenzimmer?

Sirin: Man denke an das Berliner Olympiastadion oder den Signal Iduna Park in Dortmund – so viele rauschende Momente haben dort stattgefunden. Etwa 2006 bei der Heim-WM in Deutschland: Das Spiel der deutschen Nationalmannschaft gegen Polen in Dortmund und die Energie nach dem 1:0 durch Oliver Neuville im Stadion und im gesamten Land. Kurz darauf das gewonnene Viertelfinale mit dramatischem Elfmeterschießen gegen Argentinien in Berlin. Ekstatische Augenblicke, die über Generationen hinweg ins kollektive Gedächtnis eingehen und für immer mit diesen Orten verbunden bleiben. Solche Momente entfachen Kräfte, die weit über den Fußball hinausgehen. All die Jugendlichen mit teils schwierigen Biografien, die mit unseren Pädagogen und Pädagoginnen in den Lernorten zusammenarbeiten, spüren die besondere Atmosphäre und sind begeistert von diesem außergewöhnlichen Umfeld.

Im Mittelpunkt stehen die Stärkung von Medienkompetenz, die Entwicklung kritischer Reflexion und ein wertschätzender Umgang miteinander. Wo erleben Sie aktuell die größten Probleme bei Jugendlichen?

Sirin: Ich empfinde wirklich den allergrößten Respekt für Jugendliche und junge Erwachsene. In was für einer unsicheren und komplexen Welt wachsen sie derzeit auf? Meine eigene Kindheit und Jugend waren dagegen fast wie ein Schlaraffenland. Heute dominieren geopolitische Krisen, Kriege und vielfältige Unsicherheiten ihren Alltag. Hinzu kommt ein orientierungslos machendes Übermaß an Informationen – durch Künstliche Intelligenz (KI), Internet und soziale Medien samt potenzieller Shitstorms. Wie soll man das bewältigen und den Überblick behalten? Viele junge Menschen müssen sich in einer digitalen Realität behaupten, sich anpassen und permanent vergleichen. Dafür braucht es ein stabiles Mindset und konkrete Techniken – im Übrigen nicht nur bei Jugendlichen, sondern gesamtgesellschaftlich. Auch darum sind Aktionen wie diese so wichtig.

Die Materialien „Fairplay im Netz“ wurden partizipativ mit Jugendlichen mit und ohne Behinderung entwickelt und barrierefrei aufbereitet. Warum ist dieser Ansatz so wichtig?

Sirin: Weil echte Teilhabe nur gelingt, wenn alle Perspektiven von Anfang an berücksichtigt werden. Wenn Jugendliche mit und ohne Behinderung selbst an der Entwicklung beteiligt sind, entstehen Materialien, die lebensnah und relevant sind. Barrierefreiheit ist dabei kein Zusatz, sondern eine Grundvoraussetzung. Wer über Respekt und Fairness spricht, darf niemanden ausschließen – weder inhaltlich noch strukturell.

Wenn Jugendliche nach den Workshops nur eine Sache mitnehmen: Was wäre der wichtigste Satz oder Gedanke, den Sie ihnen mitgeben möchten?

Sirin: Glaube nicht alles, was im Internet steht, und gib dort nicht alles von dir preis. Und: Egal, wo du herkommst und was du erlebt hast – es gibt immer Menschen, die an dich glauben.

Millionen Menschen kennen Sie als „heute“-Moderator beim ZDF. Spüren Sie eine besondere Verantwortung, weil viele Ihnen vertrauen?

Sirin: Natürlich. Die Orientierungslosigkeit und die Überforderung, die ich beschrieben habe, trifft ja auf nahezu alle gesellschaftlichen Gruppen zu. Daher kommt uns als Journalisten und Journalistinnen eine große Verantwortung zu, wenn es darum geht, die Nachrichtenlage einzuordnen und verständlich zu machen. Eine Schwierigkeit ist das chronische Übermaß an Informationen. Die Gleichzeitigkeit von Ereignissen hat es zwar schon immer gegeben, aber noch nie zuvor wurden sie so sichtbar vermittelt und in Echtzeit von allen kommentiert. So entwickeln Nachrichtenlagen schnell ein exponentielles Maß an Informationen. Hirnforscher weisen darauf hin, dass unser Gehirn nur ein gewisses Maß an Informationen verarbeiten kann – irgendwann wird es eben zu viel. Damit müssen wir lernen umzugehen. Das erfordert enorme bildungspolitische und pädagogische Anstrengungen. Gleichzeitig müssen wir uns darauf einstellen, dass es in einer von Internet, KI und sozialen Medien geprägten Welt kaum noch Phasen geben wird, in denen sich dieser unbändige Nachrichtenstrom ausschalten lässt.

Wie schaffen Sie es, nach belastenden Nachrichten abzuschalten?

Mitri Sirin: Ich versuche, offline zu sein. Auf jeden Fall mit regelmäßig längeren Joggingeinheiten und der richtigen Playlist. Ansonsten kann ich wunderbar abschalten, wenn ich Fußball, Dokus oder Serien schaue.

Welche Rolle spielen Ihre Familie und Ihr privates Umfeld dabei?

Sirin: Freundschaften und Familie sind für mich mit Abstand das Wichtigste. Ich arbeite und pendele viel, da geben mir gemeinsame Urlaube, Abendessen oder Treffen mit meiner Familie Kraft. Mit Freunden und Freundinnen auf Konzerte gehen, Spaziergänge oder gemeinsam Kartenspielen sind für mich echte Highlights.

Welche Nachrichten würde Sie gerne mal in einer „heute“-Sendung verlesen?

Mitri Sirin: Ich würde gerne einmal moderieren können, dass digitaler Hass und Mobbing an Schulen deutlich zurückgehen und Inklusion spürbar zunimmt. Dass Jugendliche heute viel stärker für diese Problematiken sensibilisiert sind als noch vor einigen Jahren und früher eingreifen, wenn jemand ausgegrenzt wird. Das wäre eine Nachricht, die mich wirklich stolz machen würde – und die zeigt, dass Präventionsprogramme und Aktionen wie der „März gegen Mobbing“ wirken.

(obr/spot)

Bild: ZDF-Journalist Mitri Sirin setzt seine Reichweite für soziale Projekte ein. / Quelle: ZDF/Thomas Kierok

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